EINE WOCHE. EIN THEMA.

Zum Arbeiten ins Ausland fahren

Warum im Heimatort arbeiten, wenn man nach einer kurzen Autofahrt das Doppelte verdienen kann? Eine Frage, die sich wohl jeder Vorarlberger früher oder später stellt. Vor allem, wenn man in der Nähe der Schweizer Grenze wohnt. In unserer aktuellen QUERFELDeins-Reportage besuchen wir Lustenau, wo fast jeder Zehnte sein Geld in Franken verdient.

Jeder Zehnte pendelt

Text: Peter Stacher

In Lustenau pendelt fast jeder zehnte Arbeitnehmer täglich in die Schweiz oder nach Liechtenstein. Einer von ihnen ist Michael Matheisl. Er arbeitet für einen Technologiekonzern. Der Vorteil liegt für ihn auf der Hand. Wer in der Schweiz oder auch in Liechtenstein arbeitet, hat monatlich ein höheres Einkommen. Wie viel man damit mehr als in Österreich verdient, hängt vom Wechselkurs ab. Aktuell muss man für jeden Euro nur 1,2 Schweizer Franken bezahlen. Ein Einkommen von 4.000 Franken sind also 3.440 Euro. Und das ist bloß das untere Niveau der Schweizer Monatslöhne. Gut für die arbeitstätigen Vorarlberger, nicht ganz so gut für die österreichischen Unternehmen. Sie haben in der Schweiz starke Konkurrenz im Ringen um die besten Fachkräfte.

Video: Peter Stacher

Export mit Tradition

Vorarlberg gehört zu Österreichs Export-Champions. Allerdings nicht nur, was Waren betrifft, sondern auch beim Personal. Das hat schon lange Tradition in Vorarlberg. In manchen Schweizer Firmen arbeiteten schon mehrere Generationen von Österreichern. Eine Redewendung in Lustenau sagt: "Egal ob hüben oder drüben, Hauptsache an der Grenze." Die Zahl der Pendler von Vorarlberg ist dementsprechend groß. Und wird umso höher, je näher man zur Grenze kommt.


> 12% 8-12% 4-8% < 4%

Lehrer und Ärzte gehen

Auch Lehrer und Ärzte folgen gerne dem Ruf in die Schweiz und nach Liechtenstein. Als Beispiel: Junge Lehrer in einer Liechtensteiner Schule verdienen selbst bei halber Lehrverpflichtung bereits mehr als arrivierte Lehrkräfte in Österreich in Vollzeit. Reinhard Sachs ist vor Jahren als Teilzeitlehrer nach Vaduz in Liechtenstein gegangen. Und er ist geblieben. Bald folgte die volle Lehrverpflichtung, dann die Pro-Rektor-Stelle. Heute ist er in Liechtenstein Direktor einer Schule, an der Jugendliche die Berufsmatura erlangen können. Seine Beweggründe damals ins Fürstentum zu gehen, waren klar von einem Aspekt geprägt: dem Geld.

Video: Peter Stacher

Mehr Einkommen, mehr Ausgaben

Berufseinsteiger und gut ausgebildete Lehrlinge zieht der finanzielle Unterschied in die Nachbarländer. Die Firmen in Vorarlberg reagieren bereits auf die finanziellen Verlockungen jenseits der Grenze. Man müsse auf die Bedürfnisse und Vorstellungen des künftigen Mitarbeiters eingehen, berichtet uns etwa der Personalchef des Vorarlberger Metallverarbeiters Blum. Das Einkommen wäre gerade für junge Menschen wichtiger Anreiz, doch es gäbe noch andere Faktoren. Wie etwa flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Oder auch Job Descriptions, die auf die Interessen des Bewerbers eingehen. Vorarlberg versucht also mit den Schweizer Nachbarn mitzuhalten. Doch mit höheren Einkommen steigen auch die Lebenshaltungskosten. Wir kennen das: Angebot und Nachfrage. Hat man mehr Geld zum Ausgeben, steigen die Preise.

Video: Peter Stacher, Magdalena Onderka

Win-Win-Situation?

Das höhere Gehaltsniveau und die höhere Entlohnung in Vorarlberg hebt auch die Lebenshaltungskosten im Ländle. Schon jetzt liegen etwa die Wohnkosten über dem Österreich-Schnitt. Das für Vorarlberg Positive an den unterschiedlichen Löhnen und damit unterschiedlichen Preisen in Geschäften und im Restaurant: Viele grenznahe Schweizer und Liechtensteiner kommen zum Einkaufen und zum Essen nach Österreich. Was den Wohlstand im Bundesland ordentlich ankurbelt. Am Ende also doch eine Win-Win-Situation?

16.05.18