EINE WOCHE. EIN THEMA.
Ist das korrekt?
Die einen sprechen von Zensur und einer Gefahr für die Meinungsfreiheit. Die anderen von Höflichkeit und gutem Benehmen. Die Rede ist von der politischen Korrektheit. Was ist sie wirklich?
Am Gipfel der Unkorrektheit
Text: Simone Grössing

4 Millionen Klicks an nur einem Tag. Das Video von Merryl Streeps Rede beim “Golden Globe“, verbreitete sich letzte Woche viral im Netz. Streep kritisierte darin Trumps Politik und erinnerte daran, als der frisch gebackene US-Präsident während des Wahlkampfs einen behinderten Reporter der New York Times öffentlich nachahmte und verhöhnte. Ein Fall der nicht nur die Oscar-Gewinnerin zutiefst empörte. Und das, obwohl Trump für seine verbalen Entgleisungen längst bekannt ist. Viele sahen ihn damit am Gipfel der politischen Unkorrektheit angelangt. Denn einen behinderten Menschen zu verhöhnen, ist nicht nur besonders skrupellos, sondern gilt zudem als politisch unkorrekt. Die sogenannte "political correctness" ist aber nicht nur in der amerikanischen Politik zur Zeit ein brisantes Thema. Auch in Deutschland und Österreich, gibt es immer wieder Fälle, in denen Politiker verbal daneben greifen:

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Grafik: Joanna Sumyk/Redaktion: Jasmin Hoscher
Was das Wörterbuch sagt

Politisch korrekt, was ist das aber eigentlich? Schaut man im Wörterbuch nach, heißt es, politisch korrekt ist man, wenn man Ausdrücke und Handlungen zu vermeiden versucht, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen könnten. Dabei geht es oft um Sprache. In den USA drängten Afroamerikaner in den 50ern etwa, von Begriffen wie "Nigger" Abstand zu nehmen. Und vor ein paar Jahren wurde in Österreich darüber diskutiert, ob Kinderbücher wie die von Mark Twain oder Astrid Lindgren, geändert werden sollten, weil darin Begriffe wie „Neger“ oder „Mohr“ vorkommen. Auch über die Bundeshymne wurde diskutiert, weil darin nur von Söhnen und nicht Töchtern die Rede war. Das Ergebnis: 2011 wurde sie gendergerecht geändert und die Töchter hinzugefügt. Viele meinten, das wäre kleinlich. Und gehe zu weit. Wir haben Menschen auf der Straße gefragt, wie sie über "political correctness" denken und warum es wichtig ist, auf die eigene Sprache zu achten.

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Korrekt oder nicht?

Das mit der sogenannten "political correctness", ist nicht so einfach. Nicht nur, weil das Thema für viele sehr emotional ist, sondern auch, weil es manchmal schwer greifbar ist, warum etwas inkorrekt ist und anderes nicht. Denn während es sich mittlerweile durchgesetzt hat, gewisse Begriffe zu meiden, gibt es andere, bei denen man sich nicht ganz einig ist. Ein Beispiel: Die "Nafri"-Debatte. Nachdem die Kölner-Polizei auf Twitter mitteilte, dass sie gezielt „Nafri“, gemeint waren Nordafrikaner, kontrollierten, gingen die Wogen hoch. Manche meinten, es sei diskriminierend Menschen „Nafri“ zu nennen. Der SPD-Politiker Christopher Lauer etwa, nannte den Begriff "in hohem Maße entmenschlichend". Andere sahen darin wiederum einfach eine neutrale Abkürzung. Die Polizei selbst sprach von einem „Arbeitsbegriff“ und entschuldigte sich für diesen. Was darf man aber sagen und was nicht? Wir haben bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft nachgefragt.

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Politischer Kampfbegriff

Während früher noch über einzelne Begriffe diskutiert wurde, geht es heute oft um viel mehr. Denn das was man unter "political correctness" versteht, hat sich in den letzten Jahren stark verändert und ausgeweitet. „Political Correctness ist heute ein Kampfbegriff, der sowohl von links, als auch von rechts verwendet wird“, meint die Linguistin Ruth Wodak. Sie ist der Meinung, dass der Begriff heute oft inflationär verwendet wird. Denn ursprünglich geht es dabei immer um den "guten Umgang miteinander" und "Fragen des Respekts". Darum zum Beispiel, wie bestimmte Gruppen genannt werden wollen. Wenn Trump etwa meint, man solle weniger korrekt sein und er dann Frauen öffentlich beschimpft oder sich über behinderte Menschen lustig macht, habe das eigentlich nichts mehr mit Fragen der Höflichkeit zu tun, sondern vielmehr mit konkreter Diskriminierung.

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Was sagen die Betroffenen?

Und wie sehen das eigentlich die Betroffenen selbst? Der austro-burundische Comedian Soso ist kein großer Fan der politischen Korrektheit. „Pc ist nicht real“, sagt er. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich korrekt geben, oft nicht unbedingt korrekter sind. Im Gegenteil. „Alle reden darüber, wie man Afrikaner nennen soll, aber keiner darüber, wie man mit ihnen umgehen soll“, meint Soso. Deswegen brauche es mehr, als nur Änderungen der Sprache.

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Opfer und Täter

Auf amerikanischen Unis wird mittlerweile darüber gestritten, ob man asiatische Kommilitonen fragen darf, ob sie einem bei den Matheaufgaben helfen können oder nicht. Und immer wieder kommt es zu Protesten, wenn konservative oder unliebsame Gastredner eingeladen werden. Alles im Zeichen der sogenannten politischen Korrektheit. „Das hat mit gutem Benehmen oft nichts mehr zu tun, sondern dabei handelt es sich um eine Übersensibilisierung und einen Überegoismus“, so Wodak. Die Menschen seien heute allgemein zu schnell gekränkt. Die Autoren Matthias Dusini (Falter) und Thomas Edlinger (FM4) sehen das ähnlich. Sie kritisieren in einem Buch zum Thema, dass sich heute jeder zu schnell als Opfer fühle. Und, dass in den Diskussionen rund um "pc" oft gar nicht die Betroffenen von Diskriminierung zu Wort kommen, sondern "Opferfürsprecher mit fragwürdigen moralischen Motiven".

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Backlash

"Wenn man Ungleichheit beseitigen will, muss man an mehreren Stellen ansetzen. Sprache ist eine davon", so Wodak. An sich sei Korrektheit noch immer wichtig. Man sollte den Begriff aber eingrenzen, meint die Linguistin. Denn auf der einen Seite stehen Rechtspopulisten, die der sogenannten "political correctness" den Kampf ansagen um die Diskriminierung von Minderheiten wieder diskutabel zu machen. Und auf der anderen immer öfter "Opferfürsprecher", die hinter allen möglichen Dingen Diskriminierung wittern, wo oft noch keine zu erkennen ist. Das alles führe laut Dusini und Edlinger zu einem Backlash. "Durch den inflationären Gebrauch des Begriffs, ist es mittlerweile zu einer Mutprobe geworden, eine gewisse Verbotsgrenze zu überschreiten - siehe etwa den Hass im Internet." Plötzlich sind Dinge wieder sagbar, die man eigentlich schon für Unsagbar hielt. Und am Ende schadet das vor allem denjenigen, die tatsächlich von Diskriminierung betroffen sind.

20.01.17