EINE WOCHE. EIN THEMA.
Sterben... und dann?
Heute sterben in Österreich etwa 227 Menschen. So wie durchschnittlich jeden Tag. Pro Jahr sind es knapp 80.000. Die meisten von ihnen landen unter der Erde, denn noch immer lässt sich der Großteil ganz klassisch begraben. Das kostet Geld. Mit mindestens 3.500 Euro müsse man rechnen, meint der Bestattungsexperte. Und nach obenhin sind ohnehin keine Grenzen gesetzt.
Begräbnis? Nein danke!
Text: Irina Oberguggenberger

Das Leben geht, der Körper bleibt. Was man mit diesem Körper anstellt? Da gibt es für Hinterbliebene immer mehr Möglichkeiten. Zwar ist das klassische Begräbnis samt Sarg, Kreuz und Grab immer noch der Dauer-Brenner, doch mittlerweile werden bereits über ein Drittel aller Verstorbenen eingeäschert. Und mit dieser Asche kann man jede Menge anstellen. In eine Urne geben und daheim auf den Küchentisch stellen, in einen Blumentopf einarbeiten und Pflanzen daraus wachsen lassen oder zu Schmuck verarbeiten, den man immer bei sich trägt. Letzteres bietet ein kleines Unternehmen in Oberösterreich an. Unsere Reporterin Elisabeth Semrad war dort.

Es ziehen so viele Kinder weg. Sich um ein Grab zu kümmern, das irgendwo in Österreich liegt, ist schwierig.
Daniela Reiter
Edelsteinbestattung
Asche zu Asche

Die erste offizielle Leichen-Verbrennung gabs in Österreich 1923. Etwas, womit die katholische Kirche überhaupt nicht einverstanden war. Der Grund: Man leugne damit die leibliche Auferstehung Jesu und der Erlösten. Man drohte sogar mit Exkommunikation oder Verweigerung der Sakramente. Erst 1963 wurde die Einäscherung auch vom Vatikan erlaubt. Jedoch unter der Vorraussetzung, dass die Asche anschließend an einem heiligen Ort aufbewahrt wird. Sprich Friedhof oder Kirche. Für gehorsame Katholiken gilt also: Nix mit Kaminsims, Verstreuen oder eben Weiterverarbeitung zu Schmuck. Denn eine anonyme Bestattung widerspreche dem christlichen Glauben.

 

So oder so: Wer einen Leichnam verbrennen lassen will, kann das in einem der 14 Krematorien in Österreich tun. Seit kurzem auch, wenn der Leichnam schwergewichtig ist. Bis vor wenigen Jahren waren die Öfen dafür nicht leistungsstark genug. Das hat sich jetzt geändert.

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Grafik: Joanna Sumyk
Kein Geld zum Sterben

Egal wofür man sich entscheidet: Sterben kostet. Eine Feuerbestattung in einfachster Form um die 1.300 Euro aufwärts, eine Erdbestattung inkl. Friedhofgebühr mindestens 3.500 Euro. Geld, das viele Hinterbliebene nicht haben oder nicht ausgeben möchten. Niemand ist dazu verpflichtet ein Begräbnis zu bezahlen. Die Alternative: Ein im Volksmund so genanntes „Armenbegräbnis“, finanziert durch öffentliche Gelder. Mitspracherecht in der Gestaltung der Zeremonie hat man dann allerdings keines.

Sollte also innerhalb von fünf Tagen nach der Ausstellung der Todesbescheinigung niemand eine Bestattung veranlassen, dann übernimmt das in Wien der Gesundheitsdienst der Stadt, die MA15. Nicht aus Mitleid mit dem Verstorbenen, sondern – so steht es im Gesetz – zur Abwehr von Krankheiten und Seuchen. Diese "Begräbnisse auf Anordnung der Sanitätsbehörde" werden immer mehr. Waren es im Jahr 2005 in Wien noch 772 Bestattungen, sind es heute bereits knapp 1.000.

Körperspende

Eine günstige Alternative zum klassischen Begräbnis: Seinen Körper an die Medizin-Universität spenden. Wobei das Wort "spenden" nicht ganz richtig ist. Denn auch hier entstehen Kosten - von etwa 990 Euro. Der Leichnam wird dann entweder für Forschungszwecke verwendet oder den Studierenden in ihrer Ausbildung zum Sezieren bereitgestellt. Anschließend wird der Körper kremiert und beigesetzt. Eine Ruhestätte gibt es also trotzdem.

Etwa 30.000 Menschen haben sich dafür entschieden ihren Körper zu spenden. Und jährlich kommen Neue dazu. Das ist auch gut so, meinen die österreichischen Ärzte. Denn ohne die Körperspenden würde die Ausbildungsqualität sinken.

Wir brauchen allein für den studentischen Unterricht zwischen 120 und 150 Körperspenden pro Jahr.
Michael Pretterklieber
MedUni Wien
Digitaler Nachlass

Mittlerweile geht es aber nicht mehr nur um die Frage: Was tun mit dem körperlichen Überresten des Verstorbenen? Sondern auch: Was tun mit den digitalen Überresten? Über die Jahre häufen viele Menschen dutzende Online-Profile an: Auf Facebook, Instagram, der Website des Lieblingskinos, Seiten für Sportwetten, Pornos, Reisebüros, Seiten wie HappyFoto, bet2win, ebay, Seiten von diversen Geschäften wie BIPA oder Hervis… überall ist man angemeldet, überall bleiben Spuren.

Der einfachste Weg: Eine physische Liste aller Profile erstellen – samt Benutzern und Passwörtern. So können Hinterbliebene sich nach dem Tod Zugang zu den Accounts verschaffen und sie löschen. Was aber, wenn es so eine Liste nicht gibt? Seit kurzem bietet die Wiener Bestattung die Möglichkeit den digitalen Nachlass gemeinsam mit den Hinterbliebenen zu verwalten. Für insgesamt 205 Euro.

 

In Österreich gibt es etwa 600 Bestatter und sie alle haben wohl einen sicheren Job. Denn egal, wie sehr sich Gesellschaft, Lifestyle und auch die Vorstellung der letzten Ruhestätte ändern - der Tod gehört nun mal zum Leben dazu. Das Geschäft mit dem Sterben ist eine sichere Branche. Und mittlerweile auch eine recht kreative.

01.11.16