EINE WOCHE. EIN THEMA.
Settele in der Loge
ORFeins eröffnet die TV-Berichterstattung zur Wahl: Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen sind zu Gast bei Settele in der Loge. Hanno Settele stellt Fragen im Burgtheater. Auf der großen Leinwand auf der Bühne: die Wählerinnen und Wähler in ganz Österreich.
Im Burg-Theater

Die Wahlkampfbühne ist bereit. Es geht in den letzten Akt der dramatischen Wahl zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen. Die beiden Hauptdarstellern rittern bereits seit einem halben Jahr um die Gunst des Publikums - und um den Einzug in die Hofburg. Der längste Wahlkampf, den Österreich je gesehen hat: Reich an spannenden Auseinandersetzungen und hitzigen Wortduellen. Zwei Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Um in der Theatersprache zu bleiben: Der dritte Akt der Wahl ist eröffnet! Schon bisher haben sich die beiden Kandidaten nichts geschenkt...

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Was haben sie noch gemeinsam?

"Sprechen Sie mit dieser Wasserflasche - die redet nicht zurück", empfiehlt Norbert Hofer. Alexander Van der Bellen kontert mit der wenig charmanten Scheibenwischergeste. Der eine warnt vor einem "faschistischen grünen Diktator", der andere malt die "blaue Republik" an die Wand. Nach zwei Wahlkämpfen und unzähligen Auftritten ist nicht viel übrig geblieben, was die beiden Kandidaten eint. Was haben Sie denn mit Norbert Hofer gemeinsam will Hanno Settele in der Loge von Alexander Van der Bellen wissen. Mit dieser Frage hat der Kandidat wohl nicht gerechnet!

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Auf verlorenem Posten?

Schließlich schafft es Norbert Hofer, eine Gemeinsamkeit mit Alexander Van der Bellen zu finden. "Wir lieben beide Fotovoltaikanlagen", sagt er. Absurd? Nicht ganz. Denn es ist tatsächlich nicht viel übrig geblieben, wo Hofer und Van der Bellen am selben Strang ziehen. Und doch haben die Unterstützerinnen und Unterstützer von Hofer und Van der Bellen mehr gemeinsam als sie vielleicht denken. Denn die Sorgen von Lisbeth Horvath in Hartberg, die Van der Bellen unterstützt, und die Sorgen des jungen freiheitlichen Funktionärs Maximilian Kurz in Innsbruck sind die selben: Sie stehen nämlich auf verlorenem Posten da. Bei der aufgehobenen Stichwahl haben "ihre" Kandidaten bei ihnen daheim keinen Stich gemacht.

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Ein Einblick in die Strategie

Viel war von einer "Spaltung" die Rede bei der mittlerweile aufgehobenen Stichwahl. Da waren einerseits die Städter, die zumeist für Van der Bellen gestimmt haben. Und andererseits gab es die Bewohner aus vielen kleineren Gemeinden, wo Hofer die Mehrheit hatte. "Hier bei uns sind die Grünen oft ein rotes Tuch", berichtet Lisbeth Horvath aus Hartberg. Umgekehrt hat Maximilian Kurz in Innsbruck die Erfahrung gemacht, dass die Leute einen Bogen um ihn machen, wenn er mit Werbeprospekten für Hofer unterwegs ist. Manche Wähler brauchen wohl keinen dritten Wahlkampf mehr, um zu wissen, wen sie wählen sollen. Und doch setzen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen alles daran, um "die Menschen" auf ihre Seite zu bringen. Ungewohnt offen sprechen sie bei Settele in der Loge über ihre Strategie. Über die Taktik, Menschen zu erreichen. Beide analysieren genau ihre Wählerschaft - und planen dann gezielt:

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Wer postet Tag und Nacht auf Facebook zur Politik?

Norbert Hofer bemüht sich, diejenigen anzusprechen, die sich von der "Schickeria" ausgeschlossen fühlen. Er möchte nicht, dass die "typischen Wähler von Hofer, die Ungebildeten" als "Menschen zweiter Klasse" bezeichnet werden. Alexander Van der Bellen gibt zu, dass er sein Image korrigieren möchte. "Ich sehe Sie immer öfter auf dem Lande", bemerkt Hanno Settele in der Loge. "Das hat auch mit dem Wahlkampf zu tun", räumt Alexander Van der Bellen ein.

Rund die Hälfte des Wahlkampfbudgets geben die beiden Kandidaten für Werbeplakate aus. Plakate in allen Formaten. Der Internetwahlkampf kommt da schon billiger. Auch, weil das Fans oft gratis und ohne Abstimmung mit den Kandidaten erledigen. In den Foren und auf Facebook stehen sich bei fast jedem Thema Sympathisanten von Hofer und Van der Bellen gegenüber. Wer sind die Menschen, bei denen man den Eindruck hat, sie würden Tag und Nacht zu politischen Themen im Internet posten? Was machen sie im richtigen Leben? ORFeins-Moderatorin Lisa Gadenstätter hat die Aktivsten unter ihnen angeschrieben und besucht.

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"Dieser unsägliche Wahlkampf"

Noch vor zwei Jahren hat Herbert Kettl aus Ried im Innkreis auf Facebook Landschaftsfotos und Blumen gepostet. Jetzt teilt er und liket er extreme politische Postings. Der Auslöser für seine Wandlung? Der Wahlkampf! "Auf einmal waren alle anderen Themen weg. Entbürokratisierung, Verwaltungsstaatsreform, wirtschaftsfördernde Maßnahmen: das war alles vom Tisch. Es gab nur noch diesen unsäglichen Wahlkampf und das Asylthema." Jetzt teilt Herbert Kettl: "Es gibt Menschen, die sollte man entsorgen."

Dabei gibt es noch weitaus extremistischere Äußerungen. Aufrufe zu Mord, Vergewaltigung, und Drohungen. Übermotivierte Fans? Oder ernsthafte Bedrohung? Wie gehen die Kandidaten mit dem Hass von gegnerischen Anhängern und eigenen Fans um, der längst auch etwa die Facebook-Seite von Norbert Hofer erreicht hat?

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Eine neue Ausgangsposition

Das Facebookprofil von Norbert Hofer braucht mittlerweile automatische Löschroutinen, wo gewisse Inhalte gar nicht erst gepostet werden dürfen. "Es geht mir nicht darum, den Menschen, mit dem ich diskutiere zu überzeugen", sagt Leander Rischka. Der 22-Jährige arbeitet in der Gastronomie. Er diskutiert viel und gern auf Facebook. Sein Ziel ist aber nicht der Gesprächspartner selbst, sondern andere User, die die Diskussion lesen. Auch wenn nach fast einem halben Jahr Wahlkampf die meisten ohnehin schon wissen, wen sie wählen: Es gibt sie - Menschen, die sich von politischen Diskussionen vielleicht noch beeinflussen lassen.

Tatsächlich ist die Ausgangsposition inzwischen anders als noch vor drei Monaten. Denn: Die Welt hat sich weitergedreht. Der neue Bundeskanzler in Österreich ist mittlerweile schon über 100 Tage im Amt; in der Türkei hat ein Putschversuch stattgefunden; Großbritannien bereitet seinen Austritt aus der EU vor; und in Deutschland und Frankreich haben Terroranschläge stattgefunden. Auch manche Wählerinnen und Wähler sehen die Welt mittlerweile anders als noch vor drei Monaten:

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Wem nützen die aktuellen Themen?

Eine geänderte Situation also. Aber wem nützt sie? Bei Hanno Settele in der Loge hofft Norbert Hofer, durch erhöhtes Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung punkten zu können. Alexander Van der Bellen sieht nach dem Austritt der Briten aus der EU einen Weckruf, der ihm zu Gute kommen könnte. "Brexit ist für mich nicht ungefährlich", gibt sogar Norbert Hofer im Interview zu:

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Happy End?

Zwei Kandidaten, die außer einer "Liebe zu Fotovoltaikanlagen" vor allem eines gemeinsam haben: Sie wollen der nächste Bundespräsident werden, in die Hofburg gleich neben dem Burgtheater einziehen. Zum Abschluss des Interviews wünscht sich Norbert Hofer ein happy end für sich. Die Wählerinnen und Wähler erwartet in jedem Fall ein interessanter dritter Akt mit den beiden Kandidaten. Bevor der Vorhang fällt, wird das Wahlvolk noch selbst zum Hauptdarsteller. Dann nämlich, wenn wir am 2. Oktober entscheiden, welcher der beiden Kandidaten die schwierige neue Rolle annehmen darf, und sich künftig Bundespräsident der Republik Österreich nennen darf.

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Fotos: Roman Zach-Kiesling
Settele in der Loge

Die Sendung "Settele in der Loge" wurde am 7. September auf ORFeins ausgestrahlt. Sie ist noch bis zur Bundespräsidentenwahl am 2. Oktober in der ORF TVThek in voller Länge zu sehen.

Redaktionsteam "Settele in der Loge": Irina Oberguggenberger, Hanno Settele, Lisa Gadenstätter, Michaela Rädler, Andrea Poschmaier, Nicole Kampl, Jürgen Pettinger, Hanna Sommersacher, Mariella Kogler, Lisa-Marie Gotsche, Lisa Totzauer

Aufbereitung für [M]eins: Filip Krasnianski, Florian Matscheko, Alexander Ploberger, Gabriel Danis, Patrick Artner, Joanna Sumyk, Arthur Einöder

Hier, auf [M]eins, hat das Moderatorenteam Hanno Settele und Lisa Gadenstätter die Sendung live kommentiert - und Fragen der Seherinnen und Seher beantwortet:

 

07.09.16