EINE WOCHE. EIN THEMA.
Schneller, höher, stärker
Das ist das offizielle Motto der olympischen Spiele. Ein Motto, das sich weniger die TeilnehmerInnen, als die Organisatoren zu Herzen nehmen. Denn während für viele SportlerInnen „dabei sein ist alles“ gilt, werden in Rio rund 11 Milliarden Euro in Eröffnungsfeier, Sportstätten und Unterkünfte investiert. Doch von Prestige ist keine Rede, stattdessen hagelt es Kritik. Über den olympischen Gedanken, der keiner mehr ist.
Größer, Teurer, Pompöser
Text: Irina Oberguggenberger

Wenn Geld keine Rolle spielt, dann sind die Olympischen Spiele nicht weit. Jedes einzelne Spektakel hat bisher das vorgesehene Budget gesprengt. Kein anderes Megaevent verursacht derartige Mehrkosten.

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Illustration: Magdalena Onderka
Chaos in Rio

Auch Rio gibt um 50 Prozent mehr aus, als ursprünglich geplant. Trotz Staatsschulden in Höhe von 5,5 Milliarden Euro. Seit zwei Jahren steckt das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Das war 2009, als Brasilien offiziell als Austragungsort bekannt gegeben wurde, noch anders. Doch die Rezession ist nur eines der Probleme, mit denen Brasilien gerade kämpft.

Video: Video: Simone Grössing

Das Zika-Virus hat das Land immer noch im Griff. Nachdem die brasilianische Präsidentin Dilma Rouseff von ihrem Amt enthoben wurde, ist die Nation politisch auf wackeligen Beinen und die Unzufriedenheit der Bevölkerung löst zahlreiche Proteste aus, auch Streiks während der Spiele werden angekündigt. Die Bevölkerung ruft nach mehr Geld für Schulen, Krankenhäuser und Sicherheit. Stattdessen bekommen sie die Olympischen Spiele. Zwar werden im Zuge dessen auch Infrastrukturprojekte realisiert, jedoch angepasst an die Bedürfnisse des IOC, nicht an jene der Bevölkerung. 

Es gab Zwangsräumungen und es war klar, dass nur eine kleine Gruppe profitieren wird, die ohnehin zur Elite gehört.
Ursula Prutsch
Historikerin
Video: Video: Elisabeth Semrad
Flüchtiger, kurzsichtiger, unüberlegter

Doch das Image der Olympischen Spiele bröckelt schon länger. Länder, die sich um die Austragung streiten? Das war einmal. Heute sieht es anders aus. Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist der finanzielle und bauliche Aufwand zu groß. So hat letztes Jahr in Hamburg eine Volksbefragung dazu geführt, dass die Stadt ihre Kandidatur für die Olympischen Spiele 2024 zurückgezogen hat.

Die Menschen sehen, dass es Sachen gibt, wo das Geld besser angelegt ist.
nach der Volksbefragung zur Olympia-Kandidatur in Hamburg
Florian Kasiske
Initiative Nolympia

Auch Roms neue Bürgermeisterin Virginia Raggi will nun über die Bewerbung für die Spiele 2024 abstimmen lassen. Ihr Vorgänger Renzi hatte die Kandidatur vor zwei Jahren verkündet. Und verwies dabei auf den Imagegewinn und die erhofften wirtschaftlichen Chancen. Raggi sieht das anders und ruft die Schwimm-WM 2009 in Erinnerung: Vier Jahre lang hat man investiert und gebaut. Doch die Errichtung der nötigen Anlagen hat sich verzögert, die Kosten sind explodiert und die WM wurde schlussendlich an einen anderen Ort verlegt.

Unterm Strich, so der Olympia-Experte Klaus Zeyringer, rentiere sich eine Austragung finanziell tatsächlich fast nie. Trotz der TouristInnen und der Betriebe, die sich womöglich ansiedeln, konnten die Ausgaben in kaum einem Gastgeberland hereingeholt werden. Als Sinnbild dafür stehen die ehemaligen Olympia-Sportstätten in Gastländern wie China (2008) oder Griechenland (2004). Nach den Spielen waren sie überflüssig. Was bleibt, sind verwahrloste Geisterstädte.

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In Rio soll das nicht passieren. Um Olympia-Ruinen zu verhindern, will man die Sportstätten nach dem Event wieder abbauen und das Baumaterial wiederverwerten. Als Vorbild fungiert London. Die Stadt gilt als „Best Practice“-Beispiel in Sachen Olympia.

Video: Video: Andrea Poschmaier
Gieriger, mächtiger, ignoranter

Die meiste Kritik gilt jedoch nicht den lokalen Regierungen, sondern dem Verein, der hinter all dem steht: Dem IOC, dem Internationalen Olympischen Komitee. Ähnlich der FIFA wirft man der Organisation Korruption, Geld- und Machtgier vor. Externes Kontrollorgan gibt es keines.

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Illustration: Magdalena Onderka

„Die Olympischen Spiele, die als Weltkulturerbe eigentlich der Menschheit gehören sollten, befinden sich im Besitz eines privaten Vereins, der bis vor kurzem ein Zirkel elitärer, alter Männer war.“ schreibt der österreichische Autor Klaus Zeyringer in seinem Buch „Olympischen Spiele – eine Kulturgeschichte“.

Der IOC funktioniert im Grund wie ein Staat, erklärt Zeyringer weiter. Mit eigener Flagge, Hymne und Gesetzgebung. Und quasi einem eigenen Pass: Denn die Akkreditierungskarten des IOC funktionieren wie Reisepässe. Wer damit reisen will, benötige kein zusätzliches Visum.  So konnten damit etwa kubanische Staatsbürger ohne Weiteres in die USA einreisen.

In ihrem Rahmen fungieren die Mitglieder des IOC zugleich als Legislative, Exekutive und Judikative. Bei einem Staatswesen würde man das eine Diktatur nennen.
Klaus Zeyringer
Olympia-Experte
Video: Video: Elisabeth Semrad

Um besondere olympische Bemühungen zu würdigen, vergibt der IOC auch Orden. Das Bizarre daran:  Unter den Ordensempfängern finden sich auch Diktatoren, wie der rumänische Nicolae Ceausescu oder der bulgarische Todor Schiwkow. Obwohl der IOC – wie er sagt – für Frieden und Menschlichkeit steht. Die Organisation rechtfertigt sich damit, dass sie nur beurteilen, was jemand auf dem Feld des Sportes leistet. Das erklärt vielleicht auch, warum Nordkorea im IOC vertreten ist.

Die Vergabe der Olympischen Spiele z.B. wird von den Mitgliedern des IOC gemacht und da kann man sich Stimmen kaufen.
Klaus Zeyringer
Autor "Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte"

Das alles hat das Image des IOC über die Jahre zum Bröckeln gebracht. Die Kritik fand Ende 1998 jedoch ihren Höhepunkt, als bekannt wurde, dass Salt Lake City nur deshalb als Austragungsort für die Winterspiele 2002 gewählt wurde, weil sich mehrere IOC-Mitglieder haben bestechen lassen.  

Der seit drei Jahren amtierende Präsident und ehemalige Olympiasieger im Fechten Thomas Bach versucht das Image mit seinem Reformpaket „Agenda 2020“ wieder aufzupolieren. Unter anderem werden darin weniger Kosten und mehr Transparenz versprochen.  Auch Frauenrechte und die Rechte von Homosexuellen sollen berücksichtigt werden. Dass die russische Justiz Schwule und Lesben verfolgt, scheint in Sotschi dennoch kein Problem gewesen zu sein. Auch nicht, dass Länder wie Saudi-Arabien, Kuwait und Katar, die diese Rechte mit Füßen treten, im IOC prominent vertreten sind.

Schneller, höher, stärker

Die Kritik am IOC geht auch an den Athletinnen und Athleten nicht spurlos vorbei. In ihrem Fokus steht aber nach wie vor der Sport. Und sie sind es auch, die nach wie vor Millionen von ZuseherInnen vor den Fernseher locken. Die Prämien, die sie in ihrem Heimatländern für eine Goldmedaille erhalten gehen übrigens weit auseinander. Während Ungarn seinen Top-SportlerInnen Preisgelder (in London waren es über 120.000 Euro) und eine Rente spendiert, die sich nach ihrem Durchschnittseinkommen orientiert, bekommen die schwedischen Goldmedaillen-Gewinner ausschließlich Rio-Maskottchen in Plüschtierform. „Ein großes für eine Goldmedaille, ein mittleres für eine Silbermedaille und ein kleines für eine Bronzemedaille", sagte ein Sprecher des Schwedischen Olympischen Komitees.

Video: Video: Andrea Poschmaier

Auch vor Ort mit dabei sind tausende Journalisten und Journalistinnen aus der ganzen Welt. Einer von ihnen: ORF-Sportkommentator Sigi Bergmann. Er berichtet seit 50 Jahren von den Olympischen Spielen. Auch in Rio de Janeiro ist er als Box-Kommentator vor Ort. Es wird das Ende einer langen Olympia-Karriere.

Video: Video: Mariella Kogler
02.08.16