EINE WOCHE. EIN THEMA.
Ritze Ratze Rechtsstaat
Eine Frau zerkratzt jahrelang hunderte Autos in der Steiermark. Immer wieder wird sie dabei von der Polizei erwischt. Doch die Beamten lassen sie immer wieder laufen. Die 35-jährige ist psychisch krank, unzurechnungsfähig und damit nicht schuldfähig.  Der Fall ist einmalig und bringt den Rechtsstaat an seine Grenzen.
Ein Muster geht durch die Steiermark
TEXT: Max Hartmann

Immer wieder kratzt sie ein typisches, leicht wiederzuerkennendes Zick Zack Muster in die Autos. Immer wieder wird sie von der Polizei dabei auf frischer Tat ertappt. Immer wieder erzählt sie, dass es ihr leidtue, dass sie sich nicht anders zu helfen wüsste. Immer wieder müssen sie die Beamten laufen lassen. So geht das seit Jahren. Der Polizei sind die Hände gebunden. Die 35-jährige Steirerin ist psychisch krank. Ein Sachverständiger hat sie für unzurechnungsfähig erklärt - damit ist sie nicht schuldfähig und kommt jedesmal ungestraft davon. 

Sie ist sehr sportlich, sehr flink. Sie sucht Orte, wo sie ungestört ist und begeht dann eben diese Sachbeschädigungen. Leider jetzt auch in Tiefgaragen.
Dietmar Jeglitsch
Polizei, Graz

Zierlich, gutaussehend, mit langen schönen Haaren. Die Persönlichkeit zurückhaltend, fast schüchtern. Bei der Beschreibung der 35-jährigen Autokratzerin sind sich alle ziemlich einig. Nichts würde darauf hindeuten, dass diese Frau seit Jahren regelmäßig und quer durch die Steiermark Autotüren zerkratzt und dadurch tausende Euro Schaden anrichtet. Für die Polizei eine sehr schwierige Situation, vor allem weil auch Privatautos der Beamtinnen und Beamten beschädigt wurden. 

Sachwalterin muss sich um alles kümmern

Vor etwa fünf Jahren hat ein Gericht entschieden, für die Frau eine Sachwalterin zu bestellen. Das geschieht, wenn jemand psychisch krank oder geistig behindert ist und nicht mehr fähig ist, seine oder ihre Geschäfte ohne Nachteil für sich selbst wahrzunehmen.

Unterkunft, Einkäufe, Behördenwege, Termine vor Gericht - um das alles muss sich die Anwältin Christa Kohl-Rupp kümmern. Sie ist die Sachwalterin der 35-Jährigen, fühlt sich aber oft eher als "Mutter", denn die Autokratzerin verhalte sich oft "wie ein kleines Kind", erzählt sie. 

Einweisungen ins Spital nützten nichts

Schon mehrmals wurde die Autokratzerin ins Krankenhaus eingewiesen, immer wieder musste sie nach kurzer Zeit entlassen werden, da sie zwar Sachbeschädigung begeht, dabei aber niemanden körperlich verletzt. Zuletzt war sie in einem Pflegeheim untergebracht. Auch dort zerkratzte sie die Autos der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mittlerweile will man sie dort nicht mehr unterbringen, weil es keine Möglichkeit gäbe, sie rund um die Uhr zu betreuen bzw. zu bewachen. 

Es muss Gefahr für Leib und Leben anderer Personen gegeben sein und es müssen Drohungen vorliegen, dass entsprechende freiheitsbeschränkende Maßnahmen gesetzt werden können und das aber auch nur von der Behörde und nicht direkt vom Heim.
Karl Scholz
Anwalt des Pflegeheims

Hat man keine Versicherung, die eine solche Beschädigung am Auto miteinschließt, kann die Sache für die Geschädigten teuer werden. Denn gerade das Ausbesseren solcher Kratzer ist oft schwierig und aufwendig, besonders wenn sie tief und lang sind. Die Autokratzerin hat hunderte Autos beschädigt, das ist sicher. Der Schaden dürfte enorm sein. Der genaue Gesamtschaden steht allerdings noch nicht fest. In den Medien wird spekuliert, er könnte schon bei einer Million Euro liegen. 

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Illustration: Joanna Sumyk
Gesamtes Vermögen ist aufgebraucht

Die ersten Geschädigten der Frau wurden finanziell entschädigt, doch mittlerweile ist das gesamte Vermögen aufgebraucht. Bei ihr gibt es also nichts mehr zu holen. Wer kann dann also für den Schaden verantwortlich gemacht werden? Die Sachwalterin sieht sich mit solchen Vorwürfen konfrontiert, argumentiert aber, dass sie ihre Klientin nicht einsperren kann, ohne sich selbst strafbar zu machen. So sieht es auch das Pflegeheim in dem die Frau bis zuletzt untergebracht war. Doch genau das will der Grazer Anwalt Klaus Zotter, selbst Geschädigter, nicht hinnehmen. Dreimal wurde sein Auto von der Frau zerkratzt. Er überlegt jetzt das Pflegeheim zu klagen. 

Rechtsstaat hat keine Mittel

Der Fall bringt den Rechtsstaat an seine Grenzen. Denn rechtlich ist die ganze Angelegenheit so verzwickt, dass es jetzt sogar an eigenes Seminar an der Universität Graz dazu gibt. Besonders engagierte Jus-Studierende versuchen dort, eine Lösung für das Rechtsproblem zu finden. Der Staat könnte für sie haften, sagt der Seminarleiter Professor Georg Eisenberger. 

Polizeieskorte als Lösung?

So wütend viele Autobesitzerinnen und Autobesitzer verständlicherweise sind, so schwierig ist es, über die junge Frau zu urteilen. Denn, dass sie psychisch krank ist und ihre Taten bereut, daran gibt es keine Zweifel. Einen Menschen, der weder andere Menschen noch sich selbst gefährdet, sondern "nur" Sachbeschädigung begeht, wegzusperren, widerspricht unserem Rechtsverständnis. Sollte der Staat die Haftung für die Taten der 35-Jährigen übernehmen müssen, könnte eine intensive Bewachung der Polizei eine Lösung sein. Allerdings eine für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sehr sehr teure Lösung.

15.11.16