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In der Tabak-Hauptstadt
Eigentlich sollten Österreichs Gasthäuser ab Mai rauchfrei werden. Doch die FPÖ hat vor der Wahl versprochen, das geplante Verbot noch zu kippen. Die große Frage im Hintergrund: Ist Rauchen Teil der österreichischen Kultur? Wir haben in der inoffiziellen Tabakhauptstadt nach Antworten gesucht: in Frastanz.
Die Tabak-Revolutionäre
Text: Arthur Einöder

Die Frastanzer Bauern sind Revolutionäre. Als die Aufseher der Finanzbehörde im Dorf einmarschieren, werden sie von den wehrhaften Frastanzern kurzerhand vertrieben. Die Finanzbeamten wollten nicht die Registrierkassenpflicht oder die Allergenverordnung durchsetzen. Damals, im Revolutionsjahr 1848, widersetzten sich die Menschen in Frastanz ein letztes Mal dem staatlichen Tabakmonopol. Bis dahin lebten sie 150 Jahre lang gut vom Tabakanbau. Dass ihnen die Behörden dann einen Strich durch die Rechnung machen wollten, schmeckte ihnen gar nicht.

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Tradition Tabak

Die Story mit der Tabakrevolte erfahren wir im Tabakmuseum in Frastanz. Ja, das gibt es wirklich, und es ist das wohl größte und umfangreichste Museum seiner Art in ganz Österreich. Das kommt nicht von ungefähr: Hier in Frastanz ist man mit Tabakanbau zu Wohlstand gekommen. "Am Feldkircher Wochenmarkt hat man die Bäuerinnen aus Frastanz daran erkannt, dass sie Pfeife geraucht haben", erzählt Gemeindearchivar Thomas Welte, als er uns durch die Ausstellung führt. Die Frastanzer sind stolz auf ihre Tradition und auf ihre Tabakkultur. Auch heute kommt man noch aus ganz Vorarlberg wegen des Rauchens nach Frastanz. Doch das hat inzwischen ganz andere Gründe, wie unsere aktuelle QUERFELDeins-Reportage zeigt:

Video: Video: Arthur Einöder
44 Jahre Raucher

Ingo Senft kam als Raucher nach Frastanz. Er ging als Nichtraucher. 44 Jahre lang hat er geraucht. Bis zu 60 Zigaretten täglich. Doch dann hat es ihm gereicht: Er bekam keine Luft mehr beim Spazierengehen, war beim Treppensteigen schon bald außer Atem. Und das, obwohl er äußerlich durchaus sportlich wirkt. Wir treffen ihn bei unserem Besuch in der Klinik Maria Ebene. Hier hat er sich vor einigen Monaten in eine Therapiegruppe zuweisen lassen. Unter medizinischer Aufsicht hat er dann mit dem Rauchen aufgehört. Ingo Senft war auf Anhieb erfolgreich. Zu regelmäßigen Kontrollterminen geht er aber weiterhin.

 

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Grafik: Magdalena Onderka
Zwei von drei Lokalen rauchfrei

"Seitdem ich aufgehört habe zu rauchen, küssen meine Frau und ich uns wieder öfter", berichtet Ingo Senft. Auch sonst gibt es für ihn in seinem neuen Leben als Nichtraucher allerhand zu entdecken. Beim Geschmackssinn bemerkt er Unterschiede. Ohne Rauch schmecken Essen und Getränke wieder besser. Ein Vorteil, den auch die Gastromie erkannt hat. Zwei von drei Restaurants sind bereits rauchfrei, berichtet die Vorarlberger Wirtschaftskammer. Und das schon bevor das neue Gesetz gilt. Ab 1. Mai wird Rauchen in Lokalen generell verboten sein. Beschlossen hat das noch die alte Regierung.

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Österreich hinkt hinterher

In ganz Europa geht der Trend zum rauchfreien Lokal. Tatsächlich wird selbst in irischen Pubs und italienischen Bars und öffentlichen Gebäuden bereits seit mehr als zehn Jahren nicht mehr geraucht. Mit dem neuen Gesetz will Österreich sich nun europäischen Standards angleichen. Und: Nichtraucher sollen vor dem Passivrauchen geschützt werden. "In den Ländern, die das Rauchverbot strikt durchgezogen haben, ist die Zahl der Herzerkrankungen und auch der Herzinfarkte dramatisch gesunken", weiß die Frastanzer Oberärztin Johanna Rohrer. Bei der traditionellen Kartenspielrunde im Rankweiler Hof hält man von staatlich verordneter Gesundheitsvorsorge im Gasthaus nicht viel. Pensionierte, honorige Herren treffen sich hier zum Jassen. In der einen Hand das Blatt, in der anderen Hand die Zigarre. "Jeder Wirt sollte die Möglichkeit haben, einen kleinen Raum zu haben, dass man die Raucher nicht ausschließt", sagt Lothar Hilbrand.

Video: Video: Arthur Einöder
Raucher setzen auf blau

In den "Rankweiler Hof" kommt man zwar auch zum Essen. Für die Gäste ist er aber weit mehr als bloß Restaurant. Für Vereine und Menschen aus der Umgebung ist er eine Art "Wohnzimmer" geworden. Wenn im Mai 2018 eine fast dreijährige Übergangsfrist zu Ende geht, fürchtet der Wirt Roland Vith um seine Gäste. Seine Hoffnungen liegen nun auf der FPÖ. Denn die hat im Wahlkampf angekündigt, das Rauchverbot zu kippen. Der Ausgang der Regierungsverhandlungen ist aber noch ungewiss. Wenn der FPÖ nichts einfällt, um die ÖVP umzustimmen, dann könnte das Frastanzer Tabakmuseum bald ein neues Ausstellungsstück bekommen: Eine österreichische Gaststube, in der geraucht wird. Und zukünftige Generationen werden dann die Aschenbecher so ungläubig betrachten wie wir heute den Spucknapf bestaunen, in den die revolutionären Frastanzer Bauern einst ihren Kautabak gespuckt haben.

30.11.17