EINE WOCHE. EIN THEMA.
Prölls Erbe
Dreimal hintereinander hat er für die ÖVP in Niederösterreich die absolute Mehrheit geholt: Erwin Pröll hinterlässt seiner Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner große Fußstapfen, einen mächtigen Partei-Apparat und eine treue Anhängerschaft von jung bis alt.

Der Erwin, der Onkel, der Landesvater. Pröll hat viele Namen und noch mehr Anhänger. Mit Medienpräsenz, Charisma und rhetorischem Talent hat er sich einen Polit-Apparat aufgebaut, der bis in die hinterste Gemeinde funktioniert. Er hat es verstanden, sich als gestandenen, aber nicht überheblichen Mann aus dem Volk zu inszenieren und schnell gelernt, dass persönlicher Kontakt viele Wählerstimmen bringt. Wer ihm die Hand schütteln wollte, konnte das auch. Diese (gefühlte) Nähe hat viele Niederösterreicher zu loyalen Anhängern gemacht. Kritik an "ihrem Erwin" wird nicht gerne gehört – so, als würde man schlecht über ein Familienmitglied reden.

Johanna Mikl-Leitner war bei diesem Prozess von Beginn an dabei. Jetzt steht sie selbst an der Spitze und versucht, Prölls Vorherrschaft für sich zu nutzen. Aber kann das System Pröll ohne Pröll selbst überhaupt funktionieren? Und sorgt sein Vertrauen in Johanna Mikl-Leitner auch für Vertrauen bei der Wählerschaft? Diese Reportage in der tiefschwarzen Gemeinde Michelhausen zeigt, was Gefolgsleute und Andersdenkende vom Generationenwechsel halten.

Video: Irina Oberguggenberger & Gabriel Danis
Ehrenbürger

Michelhausen steht stellvertretend für viele andere niederösterreichische Gemeinden. Auch hier hat die ÖVP die absolute Mehrheit, auch hier ist Erwin Pröll Ehrenbürger, wie übrigens in 75 anderen Gemeinden auch. Gerade die Pensionisten sind ihm treu ergeben. "Für mich ist er ein Jahrhundertlandeshauptmann gewesen" hört man beim Jahresrückblicks-Fest des Seniorenbunds. Dass er sein Amt übergeben hat, macht ihn nur noch beliebter. 

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Machtübergabe

Vor einem Jahr gibt Erwin Pröll seinen Rücktritt bekannt. "Verantwortung übernehmen heißt auch zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Schritt in die richtige Richtung zu setzen" sagt er im Jänner 2017 vor Journalisten. Er wollte "zeitgerecht übergeben" und seiner Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner ausreichend Zeit geben, um sich vor den Landtagswahlen einzugewöhnen. Fast 25 Jahre lang war er Landeshauptmann von Niederösterreich. Damit ist er nach Heinrich Gleißner (Oberösterreich, 1945-1971) derjenige Landeshauptmann mit der längsten Amtsdauer. Durch die Ostöffnung und den EU-Beitritt hat Niederösterreich einen Aufschwung erlebt, von dem auch Pröll profitierte.

Video: Magdalena Harmat
Zu Lebzeiten verewigt

Auch wenn mittlerweile ein Bild von Johanna Mikl-Leitner in den Kindergärten, Volksschulen und Amtsstuben Niederösterreichs hängt, wurde dafür gesorgt, dass der Landesvater gut in Erinnerung bleibt. Neben den 76 Ehrenbürgerschaften gibt es etwa die Dr.-Erwin-Pröll-Warte in Semmering oder den Erwin-Pröll-Steg in Leobersdorf. Während in anderen Bundesländern wie Tirol oder Wien eine Namenswidmung für Straßen erst nach dem Tod möglich ist, wurde Pröll hier schon zu Lebzeiten verewigt. Weder die mit 4.900 Euro zweithöchste Pro-Kopf-Verschuldung Niederösterreichs, noch die Ungereimtheiten rund um seine Privatstiftung haben seinem polierten Image einen Kratzer verpassen können.

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Grafik: Magdalena Onderka, Redaktion: Irina Oberguggenberger
"Unsere Hanni"

Auch Johanna Mikl-Leitner lässt keine Möglichkeit aus, um Erwin Pröll für seine Taten und seinen Einsatz für Niederösterreich zu danken. Und davon haben beide etwas: Pröll einen Abgang, wie ihn sich ein Politiker nur wünschen kann. Und Mikl-Leitner Sympathie bei der Pröll-Anhängerschaft und damit wohl Wählerstimmen. Schließlich haben bei den letzten Landtagswahlen 90 Prozent der ÖVP-Wähler angegeben, dass Erwin Pröll ihr wichtigstes Wahlmotiv war. Umfragen sagen Mikl-Leitner ein Ergebnis von 46 bis 48 Prozent voraus. Vielleicht zu wenig für die absolute Mehrheit, aber genug, dass der Machtapparat Prölls vorerst weiter bestehen bleibt.

[M]EINS GEHT QUERFELDEINS

Im Rahmen der Reportage-Serie QUERFELDeins ist [M]eins in den Gemeinden unterwegs und auf der Suche nach Themen, Problemen und Ideen, die für ganz Österreich spannend sein könnten. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Schreibt uns auf der [M]eins Facebook-Seite oder eine E-Mail an infoeins@orf.at

24.01.18