EINE WOCHE. EIN THEMA.
Impressum

Olympia in Graz?

Die Universitäts- und Kulturstadt Graz hat sich für die Olympischen Winterspiele 2026 beworben. Eine beinahe unglaubliche Herausforderung: Das Budget ist vergleichsweise winzig, die Widerstände sind groß. Und dennoch rechnet man sich in Graz gute Chancen aus. QUERFELDeins begleitet die ambitionierte Bewerbung von Beginn an.

In wenigen Tagen wird David 16 Jahre alt. David ist groß, sogar sehr groß für sein Alter, dünn und schlacksig. Er ist Fan des SK Sturm Graz und trainiert täglich. David Haagen ist Skispringer. In Österreichs Elite-Skigymnasium hält man große Stücke auf ihn. In Wettbewerben besiegt er regelmäßig die Gleichaltrigen. Schon jetzt kleben Sponsorenlogos auf seiner Winterjacke. Eine Karriere im Spitzensport ist für David möglich. Sein Traum: Die Olympischen Spiele. "Dort treffen alle Sportarten zusammen, alle Nationen. Es ist ein Sportfest und sicher eine Erfahrung fürs Leben."

×

Kommen die Olympischen Spiele nach Graz?

Soeben hat sich Graz für die Olympischen Winterspiele 2026 beworben. Wenn David Haagens Traum von den Olympischen Spielen in Erfüllung geht, dann könnte das sogar vor seiner Haustür sein. David wäre dann 23 Jahre alt. Doch dass die Spiele in acht Jahren tatsächlich in Graz stattfinden, ist keineswegs ausgemachte Sache. Es gibt weltweit andere Städte, die sich ebenfalls bewerben. Und: In Graz formiert sich bereits erster Widerstand gegen die Pläne. Bürger sind verunsichert, die Politik zurückhaltend, und sogar ehemalige Sportler sind skeptisch.

Video: Video: Mariella Kogler & Gabriel Danis

Es geht ums Geld

Graz zieht es durch. Auch Innsbruck hat eine Bewerbung für die Winterspiele überlegt, doch hat sich dort die Bevölkerung deutlich dagegen entschieden. Eine solche Befragung ist in Graz vorerst nicht vorgesehen. Eine der ersten, die offen Kritik an der Olympiabewerbung übt, ist Elke Kahr, Stadträtin der in Graz starken Kommunisten. Sie sagt: "Wir haben jetzt schon 1,2 Millarden Schulden. Ich befürchte, dass man sich verausgabt." Genauso viel, nämlich 1,2 Milliarden Euro sind einstweilen an Ausgaben für die Spiele vorgesehen. Da sind die Kosten für Sicherheitsvorkehrungen allerdings noch gar nicht eingerechnet. Ein großer Brocken für Graz. Einige hundert Millionen schießt das Olympische Kommitee zu. Mit dem Bund und dem Land Steiermark haben erste Gespräche begonnen. Man hofft auf Unterstützung.

Video: Video: Mariella Kogler, Joanna Sumyk

Spiele auf Sparflamme

Die treibenden Kräfte hinter der Bewerbung sind die Bürgermeister von Graz und Schladming. Für die laufenden Geschäfte haben sie Markus Pichler angeheuert. Der Steirer hat zuletzt die "Special Olympics" organisiert. An einem kühlen grauen Frühlingstag führt uns Markus Pichler durchs Grazer Messegelände. Hier will er einige Messehallen abreißen lassen, und Platz für eine Eishalle und das Pressezentrum machen. Es sollen Spiele auf Sparflamme werden. Denn obwohl die geplanten 1,2 Milliarden Euro eine große Summe für Graz wären, ist es nur ein Bruchteil dessen, was andere Städte zuletzt für die Olympischen Spiele investiert haben. Vor vier Jahren in Sochi waren 18 Milliarden veranschlagt. Rechnet man die Infrastruktur dazu, reichen die Schätzungen sogar an die 40 Milliarden für die russischen Winterspiele. Dass eine solche Kostenexplosion auch Graz bevorsteht, will Markus Pichler ausschließen: "Da tauchen Wünsche auf, denen man nachgehen kann, aber nicht nachgehen muss."

×
Grafik: Joanna Sumyk

Von Graz bis Bayern

Anders als in Russland und zuletzt in Südkorea müssen in Österreich die Sportstätten nicht komplett neu gebaut werden. Auf den Skipisten in Schladming könnten die Alpin-Bewerbe ausgetragen werden. Der Kreischberg hat bereits Erfahrung im Organisieren von großen Snowboard-Events. Sogar in Schönau am Königssee in Bayern könnte Austragungsort von Bewerben werden. Dort hat man einen modernen Eiskanal für Bob- oder Rodelbewerbe. Für das Grazer Olympia-Konzept, das sich auf die Weiterbenutzung von bestehenden Anlagen konzentrieren will, ist die Staatsgrenze nebensächlich. Die Grazer Peripherie würde sich also im Fall der Olympischen Spiele bis nach Tirol und Bayern ausdehnen. Graz bewirbt sich als "Host-City", also als Hauptquartier für Presse und Fans. Auf den Plakaten und im Fernsehen wird von "Graz 2026" die Rede sein, der Großteil der Bewerbe wird jedoch woanders stattfinden.

×

Skepsis bei den Sportlern

"Was gibt es schöneres, als eine Weltveranstaltung in der Stadt, in der man lebt", sagt Peter Znenahlik. Er war vor 30 Jahren Teil der Österreichischen Eishockey-Mannschaft bei den Spielen in Calgary. Zuletzt war er bei Winterspielen als TV-Kommentator dabei. In Graz zeigt er uns die Liebenauer Eishalle, die bei den möglichen Spielen eine Schlüsselrolle bekommen könnte. Er kennt die Bedürfnisse von Sportlern und Medien. Obwohl er Olympia-Fan ist, steht er der Grazer Bewerbung skeptisch gegenüber.

×

Der Eissport im Schatten der Skibewerbe

Mit den Standards aus Russland und Südkorea kann Österreich nicht mithalten. Dort hat beim Bau der Hallen und Stadien Geld kaum eine Rolle gepielt. Bei uns hingegen gibt es für die Renovierung und Instandhaltung traditionsreicher Sportstätten schon seit Jahrzehnten wenig Geld, erzählt Peter Znenahlik. "Wie lange hat man sich anhören können, es ist kein Geld da für eine neue Halle, für was auch immer! Und jetzt auf einmal, bei den Olympischen Spielen ist das Geld da?" fragt er ungläubig. Znenahlik warnt zugleich die Skination Österreich: "Wir haben akuten Mangel an Eisflächen." Diese Eisflächen braucht es bei Olympischen Spielen nicht nur für die Eishockeyspiele der Männer und Frauen, sondern etwa auch für Eisschnelllauf-, Eiskunstlauf-, Shorttrack- und Curlingbewerbe. Österreichs Eissportvereine klagen schon jetzt über zu wenige überdachte Trainingsflächen. Die entsprechenden Hallen in den Landeshauptstädten müssten erst auf Olympianiveau gebracht werden.

×

Der lange Weg zu Olympia

Mit dem offiziellen Brief der Stadt Graz ans Internationale Olympische Komitee (IOC) ist erst der erste Schritt erledigt. Graz hat sechs Konkurrenten im Rennen um die Spiele: Stockholm, Turin, Sion (Schweiz), Sapporo (Japan), Calgary (Kanada) und Erzurum (Türkei). In einem nächsten Schritt werden die Bewerber nun eingeladen, ein schlüssiges Konzept zu präsentieren. Die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2026 erfolgt dann im Herbst 2019 bei einer Abstimmung unter den Mitgliedsstaaten des IOC. Aus IOC-Kreisen hört man, dass nach den Abenteuern in Russland, Südkorea und China (2022) olympische Spiele in den Alpen ganz gute Karten hätten. Die Grazer Olympia-Bewerbung ist bereits die neunte einer österreichischen Stadt. Erfolgreich war bislang nur Innsbruck: In den 1960er und 1970er Jahren haben dort gleich zwei Mal die Winterspiele stattgefunden.

Video: Video: Magdalena Harmat

Was ist noch zu tun?

Sollte Graz nächstes Jahr den Zuschlag für die Winterspiele 2026 bekommen, werden wohl einige Straßen- und Bahnprojekte schneller gebaut werden müssen als geplant. Es braucht Lösungen für Sicherheit und Verkehr, Bau- und Renovierungsarbeiten und viel Platz für die Athleten, Betreuer und Fans. Und der hoffnungsvolle steirische Jungskispringer? David Haagen sagt: "Natürlich muss ich an meinem Sprung und den technischen Details weiter arbeiten. Aber in unserem Sport kann es oft sehr schnell gehen. Und ja, ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg und das könnte sich ausgehen für die Olympischen Spiele."

03.04.18