EINE WOCHE. EIN THEMA.
Österreich ohne Stau
In der Zukunft wird es keine Staus mehr geben. Schon jetzt wären die allermeisten Staus in Österreich leicht vermeidbar. Doch zwei Dinge verhindern den flüssigen Verkehr in Österreich:
Kein Weiterkommen auf der Straße

Frühverkehr in Wien. Wenn die Abfahrt von der Südost-Tangente in den innerstädtischen Straßenverkehr mündet, ist Stau vorprogrammiert. Wie hier auf der Altmannsdorfer Straße und der Grünbergstraße. "Ich sollte um acht Uhr in der Arbeit sein", sagt ein Autofahrer, während er durchs offene Fenster gegen die Sonne blinzelt, "das schaffe ich heute nicht." Für Wut und Ärger wollen die meisten hier keine Nerven opfern. Die meisten Autofahrer ergeben sich heute resigniert ihrem Schicksal. Jedoch: Würden bloß zwei Dinge richtig funktionieren, dann wären die allermeisten Staus kein Thema. [M]eins begibt sich auf die Spurensuche, befragt Verkehrsexperten und Stauforscher. "Österreich ohne Staus, das ist eine Vision, die in 20 bis 30 Jahren möglich wird", bestätigt etwa Verkehrsexperte Sebastian Kummer. Und bis dahin? Einstweilen stehen wir wegen zwei Faktoren im Stau: 

Video: Gerhard Maier
Faktor 1: Schlechte Verkehrsplanung

Stau tritt häufig dort auf, wo Straßen mit großer Kapazität auf Straßen mit weniger Kapazität treffen. Ein klassischer Flaschenhals. Zu wenige Straßen sind also ein Problem, sagt Sebastian Kummer, Logistikexperte von der Wirtschaftsuniversität in Wien: "Wenn wir Engpässe erkannt haben, dann dauert es zu lange bis etwas umgesetzt wird." Ein Beispiel für zu wenige Straßen sind in der Realität oft Brücken oder Tunnels: Spezielle Straßenbauwerke, die über natürliche Hindernisse führen. Die Donaubrücken in Linz etwa sind schon seit Jahren an der Grenze der Belastbarkeit, erklärt Experte Kummer. In Wien gibt es abgesehen von der notorisch überlasteten Südosttangente kaum Straßen, auf denen man das Augebiet um Lobau und Donau passieren kann.

Österreich ohne Staus: Das ist eine Vision, die in 20 bis 30 Jahren möglich wird.
Sebastian Kummer
Institut für Transportwissenschaft, WU Wien
Faktor 2: Schlechte Autofahrer

Allerdings: Zu viele Straßen sind auch ein Problem. Groß dimensionierte Verkehrswege gelten unter Experten als "Attraktoren". Das heißt, sie ziehen den Verkehr an und generieren neuen Verkehr. Harald Frey forscht an der Technischen Universität Wien als Verkehrsplaner. Er nennt die USA als Negativbeispiel. Dort hat man versucht, mit mehr Fahrbahnen den Verkehr in den Griff zu bekommen. Jetzt gebe es Verkehrsknoten, wo 16 Spuren nebeneinander verlaufen. Das Ergebnis: Statt Stau auf acht Spuren Stau auf 16 Spuren. Ein Fehler, der Verkehrsplanern in Österreich auch heute noch passiert. Wissenschafter Frey führt die neue Grazer Süd-Umfahrung als Beispiel an. Die großzügig angelegte Umfahrung zieht mehr Verkehr an als erwartet: Es gebe jetzt mehr Staus als vorher. Würden sich Planer an die Grundsätze halten, wären viele Staus vermeidbar. Der zweite wichtige Faktor für den Stau sitzt am Lenkrad. Schlechte Autofahrer, die nicht kooperieren, verursachen eine große Zahl an Staus.

Video: Veronika Mauler
Stau kostet Zeit, Nerven und Geld

Wenn ein Autofahrer in eine Kreuzung einfährt, die nicht frei ist, und damit den Verkehr für eine komplette Ampelphase blockiert, dann nervt das die Querfahrenden. Und nicht nur das: Dieser Autofahrer schadet damit auch der Wirtschaft. Logistikexperte Sebastian Kummer schätzt den Schaden, den die Wirtschaft durch Staus hat, auf etwa fünf bis sechs Milliarden Euro im Jahr. Um dieses Geld könnte man jeden Autofahrer der Stadt Salzburg mit einer Luxuslimousine ausstatten. In dieser Summe nicht eingerechnet sind Gesundheitskosten. Denn: Staus machen krank. "Das Gefährliche am Stress ist, dass es ein silent killer, ein stiller Tod ist." So beschreibt der Verkehrspsychologe Gregor Bartl den Einfluss, den durch Stau verursachter Stress auf uns hat. Die Staugeplagten auf der Wiener Grünbergstraße versuchen daher ruhig zu bleiben, und erst gar keinen Stress aufkommen zu lassen. Das ist oft leichter gesagt als getan:

Video: Veronika Mauler
Der Stau ist eine Enttäuschung

"Aus psychologischer Sicht ist der Stau eigentlich eine Art Triebhemmung", sagt Experte Gregor Bartl. "Wenn Autofahren einerseits bedeutet, hier kann ich meine Wünsche verwirklichen, und andererseits komme ich in den Stau, so resultiert daraus eine Enttäuschung, eine Desillusionierung meiner Wünsche." Das Phänomen Stau gibt es seit Jahrzehnten. Doch es werden immer mehr Autos, die unterwegs sind. Die Zahl der Autos wächst in Österreich doppelt so schnell wie die Zahl der Einwohner. Viele sind auf das Auto angewiesen, weil ihnen öffentliche Alternativen nicht attraktiv genug erscheinen. Umso überraschender, dass der verkehrsreichste Punkt Österreichs ausgerechnet in der mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angeschlossenen Hauptstadt Wien liegt:

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Illustration: Magdalena Onderka, Quelle: Statistik Austria/Ö3/Asfinag, Redaktion: Gerhard Maier
Der Verkehr wird im Informationszeitalter ankommen

In einem sind sich die Experten einig: Stau wird in der Zukunft kein großes Thema mehr sein. Warum das? Neue Technologien machen es einfacher, Verkehrswege vorherzusagen. Je mehr Informationen es über die Verkehrsteilnehmer und die Verkehrslage gibt, desto besser lässt sich Verkehr lenken, und desto besser können Computersysteme eine staufreie und schnelle Route planen. "Je mehr Daten, desto besser", bestätigt Thomas Hüffner. Er arbeitet für TomTom, ein Unternehmen, das etwa für seine Navigationssysteme bekannt ist, und beschäftigt sich mit der Mobilität der Zukunft. Um an die erforderlichen Daten zu kommen, sind Verkehrsplaner und Unternehmen kreativ: Smartphones, Navigationsgeräte, ja sogar Fahrtenschreiber von Lastwägen werden verwendet, um Staus zu melden:

Video: Arthur Einöder
Die Zukunft des "Individual"verkehrs

Mittelfristig werden intelligente Navigationssysteme wie dieses dabei helfen, Staus zu reduzieren, und Verkehrsteilnehmer zu warnen. In den Forschungsabteilungen ist man jedoch schon viel weiter. Die fernere Zukunft gehört Assistenzsystemen, die weitgehend autonom arbeiten. Autos werden miteinander kommunizieren, Abstände im Fließverkehr besser ausnutzen, Spurwechsel effizienter durchführen und zielstrebig den nächsten freien Parkplatz anfahren können. "Österreich ist da im internationalen Vergleich sehr gut vernetzt", erklärt Martin Russ, der Geschäftsführer von Austriatech. Das ist ein Unternehmen des Infrastrukturministeriums, das laufend weltweite Entwicklungen beobachtet, und an Österreichs Politik und Wirtschaft weiterträgt. Und die Herausforderungen und Änderungen in diesem Bereich sind groß, auch für die Autofahrer. Werden wir bald bereit sein, gewisse Handlungen im Auto weitgehend an Computersysteme zu delegieren? Oder wollen wir weiterhin selbst jede einzelne Entscheidung treffen, und nehmen dafür Stau in Kauf? Eine beinahe philosophische Frage, über die wir ja nachdenken können, wenn wir das nächste Mal im Stau stecken.

06.06.17