EINE WOCHE. EIN THEMA.
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Money For Nothing?
Keine Bewerbungen, Keine Kurse, kein lästiges AMS. Trotzdem bekommen 44 Arbeitslose im niederösterreichischen Heidenreichstein Geld vom Staat. 18 Monate lang. Eine Art "bedingungsloses Grundeinkommen". Das soll ihnen Zeit geben, ihre Leidenschaften und Fähigkeiten zu entdecken. Geld fürs Nichtstun? QUERFELDeins ist in Heidenreichstein und sieht sich das an.
Neun Monate Winter, drei Monate kalt
Text: Max Hartmann

Je weiter man hinauf fährt, desto tiefer werden die Temperaturen. Quer durch den Truppenübungsplatz Allentsteig, vorbei an Panzern, rauchenden Soldaten und zahlreichen Schildern mit der Aufschrift Achtung: hier Lebensgefahr. Es geht immer weiter nach Norden. Heidenreichstein. Zwölf Grad, die sich anfühlen wie fünf. Wir packen Hauben und Schals aus und sind sofort klar als Auswärtige erkennbar. "Wer hier lebt, lernt schnell – es ist neun Monate Winter und drei Monate kalt", begrüßt uns Karl Immervoll. Er ist Pastoralassistent in Heidenreichstein und arbeitet in der Betriebsseelsorge.

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Grafik: Magdalena Onderka
Das Projekt

Immervolls Team bespricht, was sich in letzter Zeit getan hat. „Ich glaube, dieser Klient ist auf einem guten Weg“, sagt eine Mitarbeiterin. Eine andere erwidert:  "Ich bin mir nicht sicher, ob er sich nicht verzettelt, bei den vielen Dingen, die er tun will". Die Rede ist von einem Teilnehmer eines Projekts, das Immervoll zusammen mit dem AMS-Niederösterreich gestartet hat und das seitdem für ordentlich Aufmerksamkeit gesorgt hat.

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Kein Job-Hotspot

In Heidenreichstein sind laut Statistik des AMS rund 220 Menschen ohne Job. Laut Immervoll sind etwa 100 davon Langzeitarbeitslose. Das Waldviertel gehört nicht gerade zu den Jobs-Hotspots Österreichs. Bei vielen sind die Chancen gering, etwas zu finden. Karl Immervoll hatte deshalb eine Idee: Was wäre, wenn man eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen 18 Monate lang von allen Pflichten gegenüber dem AMS entbindet und ihnen so eine Art bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht. Sie müssen in der Zeit keine Bewerbungen schreiben, zu keinen Vorstellungsgesprächen gehen und auch nicht an Kursen teilnehmen. Sie sollen Zeit bekommen, ihre Leidenschaften und Fähigkeiten zu entdecken. Gemeinsam mit Karl Immervoll besuchen wir drei der Projektteilnehmer. 18 Monate AMS-Geld ohne Verpflichtung, wie sieht so ein Leben aus?  

Video: M.Hartmann / G. Danis / P. Artner
Ein Querschnitt der Bevölkerung

Wie sind die 44 Arbeitslosen in Karl Immervolls Projekt gekommen? Seine Kriterien: ein möglichst breiter Querschnitt der österreichischen Bevölkerung. Männer, Frauen, Junge und Alte sind dabei. Genauso wie Akademiker und Menschen, die keine Schule besucht haben. So unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich sind auch ihre Lebensgeschichten.

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"Es zahlt sich nicht aus"

Anita Zimm ist ausgebildete Kindergärtnerin und hat später noch Floristin gelernt. Als sie 2013 von ihrem Mann geschieden wird, wirkt sich das auf ihre Gesundheit aus. Sie muss ihren Job aufgeben. Heute arbeitet die Mutter eines 9-jährigen Sohnes geringfügig, um sich das Geld vom AMS aufzubessern. Solange ihr Sohn so klein ist, kommt für die Alleinerzieherin ein 40-Stunden-Job nicht in Frage. Zu viel Geld würde in die Kinderbetreuung fließen, die sie lieber selbst übernimmt. „Und ein Teilzeitjob, etwa 20 oder 25 Stunden, wäre so schlecht bezahlt, dass es sich einfach nicht auszahlen würde“, sagt sie. Das Projekt ermögliche ihr jetzt, sich neu zu orientieren. Alltagsbetreuerin sei ein Job, der sie interessiert, erzählt sie, denn sie will wieder arbeiten: „Niemand sagt gerne, dass er arbeitslos ist“.

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Illustration: Magdalena Onderka / Redaktion: Max Hartmann
Es gibt keine Zielvorgaben

"Ein Arbeitsplatz kann, aber muss nicht das Ziel der Teilnehmerinnen sein", sagt Karl Immvervoll. Wichtiger sei, selbst herauszufinden, wo die eigenen Talente und Leidenschaften liegen. "Dann geht es darum", so Immervoll, "einen Weg zu finden, wie diese Talente in die Gemeinschaft eingebracht werden können". Ein mögliches Ziel ist etwa, in einem Verein tätig zu werden oder sich selbst ein kleines Projekt vorzunehmen und das auch zu realisieren. Für einige, so Immervoll, gehe es aber auch darum, diesem "Stress und Druck des Bewerbens“ zumindest für 18 Monate zu entkommen und so ihre Gesundheit zu verbessern.

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WAS PASSIERT NACH DEN 18 MONATEN?

So geht es dem Musiker Dieter Thoma. Er ist Pianist und war früher Mitglied der bekannten Gruppe Bluespumpn. Vor kurzem ist er aus Wien zurück in sein Elternhaus im Waldviertel gezogen. Die ständige Ungewissheit und das permanente Unterwegssein von Auftritt zu Auftritt hätten ihn gestresst, erzählt er. "Deshalb bin ich froh, dass ich jetzt ein bissl relaxen kann", sagt Thoma. Einen Plan, was in 18 Monaten sein wird, hat er nicht. "Wie soll man bei diesem Weltgeschehen planen können? Man muss eigentlich auf alles vorbereitet sein". Ein Job außerhalb der Musik kommt für Thoma aber nicht in Frage: "Ich habe mein ganzes Leben investiert. Ein Arzt muss jahrelang lernen und verdient dann ordentlich, bei Musikern wird immer übersehen, dass die ihr Leben lang üben müssen".

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DIE IDEE EINES GRUNDEINKOMMENS

Gerade für all jene, die nicht klar definierte Dienstleistungen oder Produkte anbieten, dürfte es in Zukunft am Arbeitsmarkt noch schwieriger werden, sagt Karl Immervoll. Mit seinem Projekt will er Menschen, wie etwa Dieter Thoma, auch so etwas ähnliches wie eine Lebensgrundlage bieten. Immervoll ist ein Verfechter des Grundeinkommens, "auch wenn man über Details diskutieren muss", wie er sagt. Ein Einkommen für jeden. Das Konzept sorgt in Europa immer wieder für Diskussion. In der Schweiz fand etwa letztes Jahr eine Volksabstimmung über die Einführung eines solchen Grundeinkommens statt. Die Forderung: 2325 Euro für alle, und das ohne Gegenleistung. Immerhin 23 Prozent stimmten in der Schweiz dafür. Wäre das auch eine Option für Österreich? Wir haben die Parteien gefragt.

Video: Simone Grössing
[M]EINS GEHT QUERFELDEINS

Mit der Reportage-Reihe QUERFELDeins ist ORFeins bis zur Wahl in allen Bundesländern unterwegs. In Heidenreichstein haben wir ein Projekt besucht, in dem die Kategorien "arbeitend" und "arbeitslos" zu verschwimmen beginnen. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Gesucht werden lokale Besonderheiten, spannende Projekte, und inspirierende Ideen, die für ganz Österreich interessant sein könnten. Welche Politik braucht das Land? Schreibt uns eure Gedanken an infoeins@orf.at oder auf der  [M]eins Facebook-Seite!

11.10.17