EINE WOCHE. EIN THEMA.
Mindestens Haltbar Bis...
Die meisten Lebensmittel sind auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum einwandfrei. Oft sogar noch Wochen und Monate später. Was stimmt da nicht mit dem Datum? Und wer hat Interesse daran, dass ein frühes Datum aufgedruckt wird? [M]eins ist diese Woche bei einem bemerkenswerten Versuch dabei.
Wie lange halten Lebensmittel wirklich?
Text: Arthur Einöder

Es ist tiefster Winter, als Hanna Simons einen Großeinkauf im Supermarkt macht: Käse, Eier, Joghurt, Aufstrich, Salami, Kuchen und Tofu. Der Einkauf ist nicht für sie selbst, sondern fürs Labor. Jede Woche wird ein Stück jedes Produkts geöffnet und untersucht. Das Ziel der Greenpeace-Mitarbeiterin: Sie möchte herausfinden, wie lange nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum die Lebensmittel noch gut sind. Mittlerweile ist der Test beinahe abgeschlossen. Doch schon jetzt lassen sich verblüffende Ergebnisse feststellen:

Video: S. Zink / V. Mauler
Der Verkostungs-Test

Seit dem Mindesthaltbarkeitsdatum sind mittlerweile acht Wochen vergangen. Hanna Simons musste erst zwei Lebensmittel wegwerfen. Nach zwei Wochen war der Aufstrich nicht mehr in Ordnung. Zuletzt hat der Käse zu schimmeln begonnen. Alle anderen Produkte, also auch Eier und Joghurt, bestehen auch zwei Monate nach Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums alle Tests. Zwei Monate nach dem Datum? Wer isst in der Realität Lebensmittel, die bereits zwei Monate "drüber" sind? [M]eins wollte das wissen, und hat sich mit einem Verkostungstisch ins Einkaufszentrum gestellt: Joghurt, Milch, Bier, Fruchtsaft und Käse: teilweise bereits fünf Monate über dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Wer wagt es, diese Lebensmittel zu probieren? Und: Sind sie tatsächlich noch gut?

Video: V. Mauler / A. Einöder
Was sagt das Mindesthaltbarkeitsdatum tatsächlich aus?

Die Milch schmeckt fünf Tage nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum "ein wenig nach Essig" meint Esther van Zaanen, eine der freiwilligen [M]eins-Verkosterinnen. Die Farbe des Fruchtsafts hat sich ein Monat nach dem Datum etwas geändert. Mit allen anderen Produkten waren die Freiwilligen im Einkaufszentrum durchaus zufrieden. Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum also bloß eine vage Empfehlung? Ja. "Bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum garantieren Produzent und Handelskette die Qualität, die man vom Produkt erwartet", sagt Lebensmittelexperte Wolfgang Kneifel von der Universität für Bodenkultur in Wien. Dass viele zum Mindesthaltbarkeitsdatum "Ablaufdatum" sagen, ist nicht korrekt.

Video: Arthur Einöder
Mindesthaltbarkeitsdatum vs. Verbrauchsdatum

Viele verwechseln das Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Verbrauchsdatum. Das Verbrauchsdatum gibt es auch; es ist auf Produkten wie Frischfleisch und frischem Fisch aufgedruckt. "Ab dem Verbrauchsdatum ist ein gewisses Risiko gegeben, wenn man dieses Produkt verzehrt", warnt Wolfgang Kneifel. Das Verfallsdatum ist also eine echte Deadline, ein Mindesthaltbarkeitsdatum nicht. Warum gibt es das Mindesthaltbarkeitsdatum dann? Es ist in der EU vorgeschrieben. Wie kurz oder lang nach dem Erzeugungsdatum es angesetzt wird, entscheiden allerdings die Hersteller selbst. "Da kann es Tendenzen geben, das möglichst kurz zu halten", gibt Konsumentenschützerin Birgit Beck zu bedenken. Gehen die Hersteller tatsächlich lieber auf Nummer sicher, um keinen schlechten Ruf zu riskieren? Und: Haben sie ein Interesse daran, dass Kunden die Produkte wegwerfen und neue kaufen müssen? [M]eins hat dazu bei der großen NÖM-Molkerei in Baden bei Wien nachgefragt. Welche Überlegungen stecken beim Hersteller dahinter, wenn er ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufdruckt?

Video: Helene Voglreiter
Was sagt der zuständige Minister?

Mittlerweile hat Hanna Simons im Lebensmittellabor zig Proben entnehmen und mikrobiologisch untersuchen lassen. Sensorikerinnen haben alle Produkte professionell verkostet. Ein Großteil der Lebensmittel war auch Wochen nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch genießbar. Für die Greenpeace-Mitarbeiterin hat sich damit bestätigt, was sie schon vorher geahnt hatte: "Viele Menschen glauben das Mindesthaltbarkeitsdatum ist ein Ablaufdatum, aber das stimmt so nicht." Für sie sind die Mindesthaltbarkeitsdaten keine gute Information für die Konsumenten. "Wir erwarten von Minister Rupprechter, dass er sich für ein realistischeres Mindesthaltbarkeitsdatum einsetzt." Umweltminister Andrä Rupprechter von der ÖVP bestätigt: "Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist sicher keine Orientierung, wann man ein Produkt wegwerfen soll." Gesetzlich verpflichten will er die Hersteller aber trotzdem nicht, wie der Minister im [M]eins-Interview erläutert.

Video: Veronika Mauler
Essen im Müll 

Wer ist nun verantwortlich dafür, dass viele Lebensmittel im Müll landen, selbst wenn sie noch gut genießbar sind? Geht es nach Greenpeace, soll der Umweltminister handeln. Geht es nach dem Umweltminister, sollen die Konsumenten mehr Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, ob Waren nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch genießbar sind: "Der größte Anteil an Lebensmitteln, die weggeworfen werden, ist in den privaten Haushalten. Da kann man wenig mit gesetzlichen Regelungen machen." Die Letztverantwortung liegt, trotz EU-Gesetzen und Ministeriums-Ideen beim Konsumenten. Für diese Entscheidung müsse der Konsument jedoch ausreichend informiert werden, sagt die Konsumentenschützerin Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation (VKI): "Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist für Konsumenten sehr wichtig, weil es die einzige Möglichkeit ist zu erfahren, wie alt ein Produkt ist."

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Grafik: Magdalena Onderka, Redaktion: Arthur Einöder, Quellen: Eurostat, Greenpeace
Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen?

Wie sieht die Situation in anderen Ländern aus? In Deutschland diskutierte man im Vorjahr bereits, das Mindesthaltbarkeitsdatum für bestimmte Produkte abzuschaffen. Zum Beispiel waren das Reis, Kaffee und Tee, also lang haltbare Lebensmittel. Der Vorschlag kam vom zuständigen deutschen Umweltminister selbst. "Gerade bei lang haltbaren Lebensmitteln kommt es stark auf die richtige Lagerung beim Konsumenten an", erklärt Lebensmittelsicherheitsexperte Wolfgang Kneifel. Also ein Faktor, den der Hersteller noch gar nicht kennen kann, wenn er ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufdruckt. In Deutschland blieb nach der Diskussion vorerst alles beim Alten, in Österreich sind die Konsumenten aber offen für die Idee: "Wichtig ist, dass ich weiß, wie alt ein Lebensmittel ist", sagt Konsumentenschützerin Birgit Beck.

Video: Helene Voglreiter
Auch Konsumenten in der Verantwortung

Einmal mehr kommt es bei lang haltbaren Lebensmitteln wie Tee und Reis auf die Konsumenten an. Zusammengefasst sieht Konsumentenschützerin Birgit Beck drei Gruppen, die verantwortlich sind: Die Produzenten, die ein geeignetes Datum festlegen müssen. Die Händler, die Lebensmittel ordentlich lagern müssen, sowie die Konsumenten. Wer seine Lebensmittel daheim richtig aufbewahrt, kann sie auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum genießen. Oft sogar noch weit über das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus, wie der aktuelle Test von Greenpeace zeigt.

 

 

Niemand würde sein Elektrogerät wegwerfen, nur weil die Garantie abgelaufen ist.
Hanna Simons
Greenpeace
Nicht zu viel einkaufen

Was bedeutet richtige Lagerung? Lebensmittel halten geschlossen am längsten: Wird eine Packung geöffnet, sollte der Rest entweder bald verbraucht werden, oder bei länger haltbaren Waren luftdicht, lichtgeschützt und trocken gelagert werden. "Ein wichtiger Punkt ist auch, nicht zu viel einzukaufen. Dann bleibt nicht so viel übrig, was man vielleicht doch entsorgen muss", rät Lebensmittelexperte Wolfgang Kneifel. Auch das richtige Lagern im Kühlschrank kann Geschmack und Haltbarkeit verlängern. Zum Abschluss gibt es daher hier noch ein Tutorial-Video für den Kühlschrank daheim. Mahlzeit!

Video: Helene Voglreiter
27.04.17