EINE WOCHE. EIN THEMA.
Mehr Heer!
Zum ersten Mal seit langem gibt es wieder mehr Geld fürs Militär. Das Bundesheer freut sich - und rekrutiert im großen Stil. [M]eins ist diese Woche auf militärischer Mission: Wie läuft die Aufnahme von 10.000 Menschen ab? Wofür werden sie eingesetzt? Wer hat die besten Chancen auf Karriere beim Heer? Und: Wozu eigentlich das alles?

Im Heer herrscht Aufbruchstimmung. Neuer Minister, endlich wieder Geld, endlich wieder positive Schlagzeilen. Was ist dran am "neuen Heer" unter Minister Hans-Peter Doskozil von der SPÖ? Was kann er, was die Vorgänger nicht konnten? [M]eins ist rund um den Nationalfeiertag in den Kasernen Österreichs unterwegs: Wir werden der geretteten Militärmusik einen Besuch abstatten, drehen eine Runde in einem (der noch funktionierenden) Blackhawk-Hubschrauber, wir schauen bei der Stellung vorbei, und rechnen nach, wie sich das mit den großen Vorhaben finanziell ausgehen soll. Ganz zum Schluss werden wir mit dem Minister persönlich zusammentreffen, ihn mit unseren Recherchen konfrontieren, und ihn nach seinen Plänen befragen.

Noch vor einem Jahr war der Jammer groß beim Heer. Von Militärfahrzeugen war zu hören, die in der Garage stehen müssen, weil es keinen Sprit gibt. Von Kasernen, die entweder still und leise verfallen, oder schnell notverkauft werden müssen. Sogar die traditionsreiche Militärmusik sollte drastisch verkleinert werden. "Von einem Tag auf den anderen war alles aus", erinnert sich ein betroffener Musiker. Das Bundesheer war am Ende. Finanziell. Und auch image-mäßig.

Video: Video: Simone Grössing
Plötzlicher Aufschwung

Heute, nur ein Jahr später, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Der Chef der Militärmusik schaut optimistisch in die Zukunft. Allgemein: Mit dem Heer scheint es bergauf zu gehen. Plötzlich gibt es wieder Geld. Und wenn am Nationalfeiertag die Soldaten stolz der Fahne salutieren, dann gibt es diesmal etwas zu feiern. Mehr als 1,7 Milliarden Euro mehr fürs Bundesheer. Für "Terrorbekämpfung", Bewachung von Botschaften, für den so genannten Ernstfall.

Man hat früher den Sicherheitsbedarf nicht in dieser Dimension erkannt.
Der Verteidigungsminister im [M]eins-Interview
Hans-Peter Doskozil
SPÖ
Viele neue Jobs

Der Geldregen kam unerwartet, im Rahmen des so genannten Sicherheitspakets der Regierung. Das Geld ist der Hauptgrund für die Aufbruchstimmung. Was passiert mit dem vielen neuen Geld? Wofür wird es verwendet? Woher kommt die neu gewonnene Liebe der Regierung für das Bundesheer? Und warum sollen Soldaten jetzt plötzlich für die innere Sicherheit im Land sorgen? Eines ist jedenfalls klar: Es wird neue Jobs geben. Viele neue Jobs. Von fast 10.000 ist die Rede, die in den nächsten drei Jahren aufgenommen werden sollen. Und das Heer setzt alles daran, junge Menschen für eine Karriere in Tarnfarben zu begeistern.

Die neue Charme-Offensive des Bundesheers trägt erste Früchte. In St. Pölten besucht [M]eins die Stellung. Da müssen alle 17- und 18-Jährigen durch. Für Valentin Palla ist klar: Er wird zum Grundwehrdienst einrücken: "Der Durchschnittsbürger würd sich denken, jeder hat eine Waffe, rennt herum und schießt durch die Gegend. Aber das Bundesheer ist mittlerweile sogar mehr. Da kann man auch ein Studium machen, vom Heer finanziert".

Video: Video: Christiane Wassertheurer
Das Heer rekrutiert

9.800 Neue sollen beim Heer in den nächsten drei Jahren aufgenommen werden. Einige sind Nachbesetzungen für Angestellte, die in Pension gehen. Andere werden auf komplett neu geschaffene Posten gesetzt. Für ein Land wie Österreich ist das eine ganze Menge. Die einzelnen Abteilungen beim Bundesheer freuen sich. Jahrelang war es oft schwer möglich, dringend benötigte Stellen zu besetzen. Es herrschte Sparzwang. Und: Anderswo gab es für wechselwillige Fachkräfte mehr Geld zu verdienen. Außerdem war das technische Equipment oft veraltet. Jetzt - mit einem Schlag - soll alles anders werden. Sowohl bei den Uniformierten als auch bei den "Zivilen" werden Neue aufgenommen. In diesen Bereichen sucht das Bundesheer derzeit am dringendsten nach neuem Personal.

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Illustration: Magdalena Onderka
Doskozil will mehr Frauen

In den Jahren des Sparens hat das Bundesheer einige Entwicklungen verschlafen. Technische Entwicklungen, aber auch gesellschaftliche. Frauen beim Heer? Prinzipiell ist das seit fast 20 Jahren möglich. Doch im internationalen Vergleich steht Österreich immer noch auf verlorenem Posten da. Sechs bis acht Prozent Frauen sind in vergleichbaren Armeen als Soldatinnen im Dienst. Der Minister möchte in Österreich zehn Prozent. Dafür braucht es wohl eine Änderung der Kultur beim Heer. Diese Quote des Ministers ist noch nicht einmal zu einem Drittel erfüllt: Gerade einmal 2,6 Prozent im Heer sind Frauen. Frauen wie Lisa Eilmsteiner und Jasmin Kellnar sind einstweilen die Ausnahme im österreichischen Bundesheer.

Video: Video: Eva Karabeg/Simone Grössing
Piloten müssen am Boden bleiben

"Als Pilot will man nicht am Boden sitzen. Man will fliegen!" So erklärt ein Pilot am Fliegerhorst des Bundesheers in Langenlebarn in Niederösterreich das Dilemma. Doch Flugstunden sind teuer. Im Zuge der Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre wurden etwa die Eurofighter-Stunden beim Bundesheer zurückgefahren.

Doch auch hier in Langenlebarn macht sich die Geldnot bemerkbar. Neun moderne Blackhawk-Hubschrauber hat das Bundesheer angeschafft. "Eine spezielle Konfiguration, weltweit einzigartig" stand damals zu lesen. Doch die "einzigartige" Konfiguration hat auch ihre Nachteile. Ersatzteile sind schwierig zu bekommen. Und so fliegen momentan nur noch fünf der ursprünglich neun Blackhawks. Die anderen vier borgen sich von Zeit zu Zeit Teile der flugtauglichen Hubschrauber aus. Sonst hätten die Piloten hier fast gar nichts mehr zu tun, und die Hubschrauber würden im wahrsten Sinn des Wortes einrosten. Mehr Geld fürs Heer: Gerade hier in Langenlebarn freut man sich - und sucht bereits fieberhaft nach neuen Piloten.

Video: Video: Helene Voglreiter
Ein Ende der Talfahrt

Die Piloten sind optimistisch, die Militärmusik jubiliert: Der Abwärtstrend konnte gestoppt werden. Im internationalen Vergleich werden Militärausgaben jeweils am Bruttoinlandsprodukt des Landes gemessen. Die meisten NATO-Staaten geben etwas mehr als 1 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Rüstung aus. Österreich stand zuletzt bei etwa einem halben Prozent. Seit dem Ende des "Kalten Kriegs" wurde es immer weniger.

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Grafik: Fritz Prasek/Mariella Kogler
So wurde beim Heer am falschen Fleck gespart

Das Bundesheer wird totgespart! Wie oft haben wir das in den vergangenen Jahren gehört? Tatsache ist: Beim Heer wurde in den vergangenen Jahren gespart. Allerdings viel zu wenig und vor allem nicht nachhaltig. In einem aktuellen Bericht kritisiert der Rechnungshof "überwiegend Einzelmaßnahmen mit Einmaleffekten, aber nicht nachhaltig wirksame Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung."

So hat das Verteidigungsministerium zum Beispiel im Jahr 2014 um insgesamt 94 Millionen Euro zu viel ausgegeben. Gespart wurde bei der Truppe selbst, anstatt bei den Militärkommanden.

Wir wollen in Zukunft nicht mehr - wie in der Vergangenheit - Personal schaffen, das keinen Arbeitsplatz hat.
Der Verteidigungsminister im [M]eins-Interview.
Hans-Peter Doskozil
SPÖ
Kritik am Bundesheer

"Die Verwaltungsstrukturen in der Zentralstelle wurden trotz Mehrgleisigkeiten und Parallelstrukturen nicht gestrafft", heißt es im Rechnungshof-Bericht. Mit 1. Oktober hat das Bundesheer jetzt eine neue Struktur bekommen. Ob dabei jedoch tatsächlich Synergieeffekte genutzt und Parallelstrukturen abgebaut wurden, bleibt fraglich. Immerhin wurde das Heer zum ersten Mal seit 38 Jahren in seiner Organisation sogar noch vergrößert. "Es gibt immer noch eine relativ beträchtliche Anzahl von überflüssigen Bediensteten", gibt die Wirtschaftsforscherin Margit Schratzenstaller zu bedenken. Minister Doskozil gibt im [M]eins-Interview zu: "Wir wollen in Zukunft nicht mehr - wie in der Vergangenheit - Personal schaffen, das keinen Arbeitsplatz hat." Wie setzt das BMLVS (Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport) das jetzt um?

Video: Video: Helene Voglreiter
Bereits jetzt hat das Heer "zu viel Personal"

Der größte Brocken im Heeresbudget sind und bleiben die Personalkosten. International gilt: Personal-, Betriebs- und Investitionskosten sollen beim Heer im Verhältnis 60:20:20 liegen. In Österreich sind die Personalkosten in den vergangenen vier Jahren – trotz Sparpolitik – sogar noch gestiegen, von 58 Prozent auf 62 Prozent.

Wenn das Personal schon jetzt zu teuer ist, wie sollen dann 9.800 Stellen finanziert werden? Der Rechnungshof kritisiert: Momentan ist noch nicht einmal klar, wie viele Personen überhaupt gebraucht werden. Es fehlt "eine Analyse des für die Aufgabenerfüllung notwendigen Personalbedarfs und darauf aufbauend ein Reformkonzept für eine Anpassung von Strukturen und Personalständen an den tatsächlichen Bedarf."

Wir wollen im Bereich der Brigaden von 2.200 auf 6.000 Soldaten aufstocken.
Der Verteidigungsminister im [M]eins-Interview.
Hans-Peter Doskozil
SPÖ
Das "Sicherheitspaket"

Zur Kritik des Rechnungshofs sagt Minister Doskozil im [M]eins-Interview: "Möglicherweise ist das zu einem Zeitpunkt geprüft worden, wo wir unser Bundesheer noch anders beurteilt haben."

Denn Sparen ist jetzt nicht mehr angesagt. Im Gegenteil. Verteidigungsminister Doskozil hat die Angst der Stunde vor Flüchtlingen und Terror genutzt und mit dem Finanzminister ein fettes Budget-Plus fürs Bundesheer ausverhandelt.

In den kommenden vier Jahren werden 1,74 Milliarden Euro ins Bundesheer gepumpt. Zusätzlich sollen Unterkünfte, Sanitäranlagen und Schießstände saniert und neue Werkstätten und Garagen gebaut werden. Das Totsparen hat nicht funktioniert, jetzt also die Wiederbelebungs-Geldspritze. Damit soll etwa neben mehr Personal auch die Ausrüstung verbessert, neue Fahrzeuge gekauft und eine eigene Cyber Defense Einheit aufgebaut werden.

Um im Cyber-Bereich das enstprechende Know-How zu bekommen, ist es nicht Voraussetzung, dass man eine Karriere als Soldat macht. Hier werden auch zivil ausgebildete Menschen angesprochen werden.
Der Verteidigungsminister im [M]eins-Interview
Hans-Peter Doskozil
SPÖ
Rückenwind von der Politik

Alles neu also beim Bundesheer. Der Grund für die Aufbruchstimmung ist das aktuelle Sicherheitspaket der Regierung. Darin wandern einige Aufgaben, die bislang die Polizei erledigt hat, zum Bundesheer. Die Bewachung von Botschaften in Österreich zum Beispiel. Oder bestimmte Aufgaben der Überwachung und Terrorbekämpfung. Dass Soldaten mitten im österreichischen Staatsgebiet aktiv sind? Bislang war das ein Tabu.

In Friedenszeiten galt in Österreich die Faustregel: Je weniger Militär auf den Straßen, desto besser. Für die innere Sicherheit war stets die Polizei verantwortlich. Die Ausnahme war der so genannte "Assistenzeinsatz" des Bundesheers. Wenn also Soldaten auf Ansuchen der Polizei an der Grenze oder im Katastrophenfall eingesprungen sind. Einige dieser Assistenzeinsätze werden jetzt zu regulären Aufgaben des Bundesheers.

Minister Doskozil im Interview

Wie schätzt der Minister die neue Situation fürs Bundesheer ein? Wie beurteilt er Österreichs Sicherheitssituation? Wie reagiert er auf die Kritik des Rechnungshofs? Und wie wichtig schätzt er seine eigene Rolle in der aktuellen Aufbruchstimmung ein? Christiane Wassertheurer und Helene Voglreiter haben Hans-Peter Doskozil zum exklusiven [M]eins-Interview getroffen.

Video: Video: Helene Voglreiter/Christiane Wassertheurer
Neuausrichtung fürs Heer

Zusammengefasst: Das neue Sicherheitspaket bringt eine Neuausrichtung in der Aufgabenteilung zwischen Polizei und Bundesheer - und daher eine neue Rolle fürs Heer. Viele neue Jobs, obwohl der Rechnungshof schon zu Zeiten der Sparpolitik die hohen Personalkosten kritisiert hat. Es warten große Herausforderungen aufs Bundesheer, wenn es darum geht, sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen.

26.10.16