EINE WOCHE. EIN THEMA.
Männersache
Seit Jahren hört man von einer Krise der Männlichkeit. Was ist da dran? Vor welchen Problemen stehen Männer heute? Und was bedeutet "Mannsein" eigentlich? Let's talk about men!
Männerprobleme
Text: Simone Grössing

Männer leben gefährlich. Laut WHO bringen sie sich weltweit dreimal so oft um wie Frauen. In Österreich ist die Suizidrate bei Frauen in den letzten Jahren leicht gesunken, während sie bei Männern leicht gestiegen ist. Gewalt ist immer noch ein männliches Phänomen. Männer richten sie nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen andere. Zwei Drittel aller körperlichen Übergriffe in Österreich werden von Männern begangen. Woran liegt das?

An der Gesellschaft und ihren Erwartungen an Männer, sagt der britische Autor Jack Urwin. Er hat gerade einen Bestseller namens „Boys don’t cry“ geschrieben. Urwin ist der Meinung, dass überholte männliche Stereotype wie etwa, dass Männer stark sein müssen oder nicht weinen dürfen, zum Problem für die Gesellschaft werden. Denn sie führen zu einer destruktiven Kultur der "toxischen Männlichkeit", sprich: zu männlicher Gewalt. Während über weibliche Stereotype im Mainstream schon immer öfter diskutiert wird, wird aber über Männlichkeit auch heute noch kaum gesprochen. Einer der sich seit Jahrzehnten mit Fragen des Mannseins befasst ist der "Männerforscher" Erich Lehner. Er war an der größten Männerstudie Österreichs führend beteiligt. Und auch er ist der Meinung, dass man viel mehr über Männlichkeit sprechen sollte.

Männer wollen nicht mehr so leben wie bisher. Sie wollen Veränderung.
Erich Lehner
Männerforscher
Männer ohne Männer

Seit Jahren hört man von einer "Krise der Männlichkeit". Dem modernen Mann wird ein Identitätsproblem nachgesagt. Ihm fehle es an Vorbildern, heißt es. Je jünger Kinder sind, desto seltener begegnen sie erwachsenen Männern im Alltag. Im Kindergarten liegt die Männerquote bei den Erziehern noch immer bei 1%, in Volksschulen bei 10%. Das muss sich ändern, meint Philipp Leeb vom Verein Poika, der sich um „gendersensible Bubenarbeit“ kümmert. Jungen sollten sehen, dass Männer auch fürsorglich sein können. "Der abwesende Mann, erzeugt Mythenbildung über das Mannsein", so Leeb. Dass männliche Bezugspersonen für junge Männer heutzutage wichtiger denn je sind, das weiß auch der Direktor der Volksschule Algersdorf in Graz. An seiner Schule lehren überdurchschnittlich viele Männer.

Männer alleine am Land

Einerseits haben junge Männer zu wenig mit erwachsenen Männern zu tun. Andererseits wird auch heute befürchtet, dass Männer immer öfter unter sich bleiben. Vor allem seit der "Flüchtlingskrise", wird vor einer "Maskulinisierung" des öffentlichen und städtischen Raums gewarnt. Was macht es mit der Gesellschaft, wenn Männer und Frauen unter sich bleiben? Vielleicht findet man die Antwort auf diese Frage dort, wo es immer weniger Frauen gibt: In den Gemeinden. Aktuell zieht es nämlich mehr Frauen als Männer weg vom Land. Einer der Gemeinden mit den meisten weiblichen Abwanderern ist Rettenegg in der Oststeiermark. Von 20 Menschen die jährlich aus der Gemeinde ziehen, sind 14 Frauen. Spürt man schon die Konsequenzen dieser Entwicklung? Unser Reporter hat sich im 750-Einwohner-Dorf umgehört.

Er muss Geld verdienen, die Familie ernähren, die Welt erobern. Das ist gleichzeitig eine Belastung.
Philipp Leeb
Verein Poika
Ganze Männer, halbe Männer?

Wenn man über die Rolle des Mannes heute spricht, kommt man um das Thema der Gleichberechtigung nicht herum. Durch die Emanzipation der Frauen, hat sich schließlich auch die Rolle des Mannes geändert. 1996 wollte die damalige Frauenministerin Helga Konrad mit der Kampagne „Ganze Männer machen halbe-halbe“, Männer gesetzlich dazu verpflichten, die Hälfte der Hausarbeit zu erledigen. Sechs Wochen lang liefen damals Fernseh-Spots, die darauf abzielten junge Männer für Gleichberechtigung zu sensibilisieren. Das Gesetz kam zwar nicht zustande, aber ganz Österreich diskutierte plötzlich hitzig über die Rolle des Mannes und seine Identität. Wir haben Helga Konrad getroffen und sie gefragt, wie sie heute über die Kampagne denkt.

Gleichberechtigt?

Zwanzig Jahre nach Konrads Kampagne, wird über Männlichkeit und Gleichberechtigung in der heimischen Politik nicht mehr diskutiert. Nicht mehr notwendig, würden wohl die meisten sagen. Schließlich hat sich in den letzten Jahren viel getan. Ein Bereich in dem sich die traditionellen Geschlechterrollen etwa stark verändert haben, ist die Hausarbeit. Während vor 40 Jahren nur einer von vier Männern Hausarbeit verübte, sind es heute schon drei von vier. Und trotzdem gibt es weiterhin starke Differenzen zwischen Frauen und Männern, zum Beispiel was die Arbeitszeit zuhause betrifft.

 

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Klickstrecke: Joana Sumyk

Und wie sieht es mit der Gleichberechtigung in unseren Köpfen aus? Wie viel hat sich in unserem Denken verändert und welche Männer-Klischees gibt es noch? Wir haben uns auf der Straße umgehört.

Beautiful Men 

Was macht einen Mann heute eigentlich zum Mann? Männliche Identität wurde immer schon anhand des (Männer)Körpers definiert und diskutiert. In den 90ern Jahren, wurde etwa über Meterosexualität und David Beckhams rasierte Brust gestritten. Für die einen war der Fußballer der Inbegriff des modernen Mannes, für den anderen ein Zeichen seiner Verweiblichung. In den letzten Jahren wurden dann Hipsterbärte und Männerduts modern. Auch Männer unterliegen heute dem gesellschaftlichen Druck schön zu sein. Gleichzeitig ist die Männerschönheit aber noch immer ein Tabu. "Wenn mein Salon nicht so abgelegen liegen würde, hätten wir schon längst zusperren müssen", sagt Claudia Corradi. Sie ist seit 14 Jahren Betreiberin eines Schönheitssalons für Männer in Wien - des einzigen in ganz Österreich. Die meisten ihrer Kunden verheimlichen den Besuch bei ihr.

 

"Männer haben's schwer, nehmen's leicht", singt Herbert Grönemeyer in seinem Lied "Männer". Vielleicht hat man die gesellschaftlichen Probleme von Männern tatsächlich zu lange auf die leichte Schulter genommen. Und vielleicht ist das der Grund, wieso Jack Urwins Buch zum Bestseller wurde. Er hat einen wunden Punkt getroffen: Die Männlichkeit. Und endlich sind es nicht nur Frauen die darüber reden, sondern die Männer selbst.

22.03.17