EINE WOCHE. EIN THEMA.
Land ohne Leute
Die Kärntner sterben langsam aus. Zugegeben, das klingt etwas drastisch, aber seit Jahren prognostiziert die amtliche Statistik einen Bevölkerungsschwund in Kärnten. Ab 2030 wird Kärnten als einziges Bundesland in Österreich Einwohner verlieren. QUERFELDeins ist in Obervellach unterwegs, einer Gemeinde, die seit 25 Jahren kontinuierlich schrumpft.
Im Paradies ohne Chancen
Text: Veronika Mauler

Lisa Knötig packt die Koffer. Nach einem mehrwöchigen Besuch bei den Eltern in Kärnten geht es mit den beiden Kindern zurück nach Hause. Die gebürtige Obervellacherin lebt mittlerweile in der Heimat ihres Mannes in Ohio, in den USA. An ihrer Kärntner Heimat schätzt sie die Natur und die hohe Lebensqualität. Doch mit der Familie hierherzuziehen, kommt für sie derzeit nicht in Frage. "Die Hauptsache, die uns drüben hält, ist halt die Jobsicherheit", erzählt die studierte Biologin.

Karte Obervellach

Wo die Jungen wegziehen

Lisa Knötig ist zwar weiter weggezogen als andere, trotzdem steht sie beispielhaft für viele junge Kärntnerinnen und Kärntner. Nach der Matura wollen sie einfach mal raus aus dem Tal, weg von Kärnten. Oft gehen sie nicht nach Klagenfurt um zu studieren, sondern nach Wien oder Graz.  Danach kommen sie selten wieder zurück, um zu Hause zu arbeiten. Im Mölltal könne man die Akademikerjobs an einer Hand abzählen, erzählt Lisas Mutter, Isabella Knötig. Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Auch ihre zweite Tochter ist weggezogen, nach Wien. Weil es keine beruflichen Chancen gibt, ist die alte Heimat für die jungen Auswanderer nur noch ein Urlaubsziel. Obervellach liegt im Bezirk Spittal an der Drau, jenem Bezirk, der am stärksten vom Bevölkerungsschwund betroffen ist. Seit Anfang der 2000er Jahre hat Obervellach schon jeden zehnten Bürger verloren.

Video: Redaktion: Veronika Mauler | Kamera: Jürgen Bauernfeind | Schnitt: Patrick Artner
So beginnt die Negativspirale sich zu drehen

Die Menschen ziehen weg und im Ort sperren die Geschäfte zu. Das vernichtet Arbeitsplätze und so beginnt sich die Negativspirale zu drehen. Der Bezirk Spittal an der Drau hat mit 11,3 Prozent hinter Wien die zweithöchste Arbeitslosenrate in Österreich. Die Abwanderung aus der Kärntner Peripherie wirkt sich aus. Während die Bevölkerung bis 2080 österreichweit um 13,9 Prozent auf fast 10 Millionen Menschen anwächst, verliert Kärnten als einziges Bundesland Einwohner.

Video: Veronika Mauler / Paula Kolb
Die goldenen Zeiten sind vorbei

"Früher war alles besser." Was den Tourismus angeht, trifft das in Obervellach zu. Immer wieder hört man, dass die Gäste in den 60er und 70er scharenweise kamen. Damals war Obervellach auch als Wohnort attraktiv, zwischen Anfang der 60er und Anfang der 90er Jahre wuchs Zahl der Gemeindebürger um fast 350 Personen. Überall wurden privat Fremdenzimmer vermietet. "Früher sind oft schon die Badewannen vermietet worden, weil die Leute keinen Platz bekommen haben", erzählt Heinz Hartweger, der Chef des Landgutes Moserhof im benachbarten Ort Reisseck. Die Straßen waren gesäumt von "Zimmer frei"-Schildern und "Zimmer besetzt"-Schildern. "Die braucht heute kein Mensch mehr", so Hartweger. Der Bau der Tauernautobahn hat das Tal schrittweise von der neuen Hauptverkehrsroute Richtung Süden abgeschnitten. Die Nächtigungszahlen brachen ein. Wo früher täglich tausende Autos fuhren, sei heute "der Arsch der Welt", so Hartweger. Doch genau darin sieht er eine Chance.

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Weitwanderweg statt Tauernautobahn

Heute sollen die Gäste wieder zurück in die Region gelockt werden. Man setzt auf geführte Wander-, Kletter-, Rafting- oder Canyoning-Touren in der Nationalpark Region Hohe Tauern und auf die günstige Wetterlage südlich der Alpen. In Obervellach endet zum Beispiel eine Etappe des Alpe-Adria-Weitwanderwegs der vom Großglockner bis zum Meer führt. Erste Anzeichen für eine leichte Erholung der Tourismusbranche sind in Obervellach bereits zu bemerken. Seit 2015 sind die jährlichen Nächtigungszahlen wieder leicht gestiegen. Luft nach oben gibt es aber noch sehr viel. 

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Grafik: Joanna Sumyk, Redaktion: Paula Kolb
"Obervellach ist ein kleines Rentnerdorf"

Im Café im renovierten Oberstbergmeisterhaus im Ortszentrum sitzt eine Runde älterer Stammgäste. In Obervellach sei früher viel mehr los gewesen, heute sei es ein Rentnerdorf, erzählt eine Dame. Die Zahlen bestätigen ihre Beobachtung. Der Anteil der über 65jährigen steigt in Kärnten besonders schnell. Statistiker prognostizieren, dass 2060 jeder dritte Kärntner ein Pensionist ist. Vorausgesetzt, man kann dann mit 65 in Pension gehen. 

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Grafik: Joanna Sumyk, Redaktion: Harmat / Kolb / Mauler
Am Stammtisch der Rückkehrer

Die Prognosen sprechen eine eindeutige Sprache. Dass die Kärntner langsam aussterben, glaubt Erwin Maier, der Gründer des Stammtisches "Next Generation Obervellach" aber nicht. Man müsse eben selbst aktiv werden. Er arbeitet mit Gleichgesinnten daran, dass wieder mehr Leben in die Region kommt, organisiert Konzerte und lädt die Studien-Rückkehrer und junge Selbstständige zum Stammtisch, um sich zu vernetzen. Eine große Chance sieht er in der Digitalisierung. 

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Kärntner Zusammenhalt

Auch in Wien haben sich vor gut zwei Jahren Kärntner Studenten organisiert. Ziel der "Jungen Kärntner in Wien" ist es, den Kontakt zum eigenen Bundesland zu halten, sich untereinander und mit Unternehmern zu vernetzen und im Idealfall auch eine berufliche Zukunft in Kärnten zu finden. Ähnliche Ziele verfolgt auch die "Initiative für Kärnten". Die Kärntner Landesregierung hat ebenfalls Maßnahmen gesetzt. So bekommen etwa Unternehmen, die für mindestens sechs Monate junge Akademiker anstellen, eine Förderung von 18.000 Euro. Bei Betriebsansiedelungen sollen bürokratische Hürden fallen. Ob das aber tatsächlich auch etwas bringt, werden die Bevölkerungsprognosen der nächsten Jahre zeigen.

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QUERFELDeins

Im Rahmen der Reportage-Serie QUERFELDeins ist [M]eins in den Gemeinden unterwegs und auf der Suche nach Themen, Problemen und Ideen, die für ganz Österreich spannend sein könnten. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Schreibt uns auf der  [M]eins Facebook-Seite oder eine E-Mail an infoeins@orf.at

02.02.18