EINE WOCHE. EIN THEMA.
Kurz zusammen­gefasst
Na bumm. Da ist die ÖVP seit über 70 Jahren wie sie ist, praktisch unverändert. Mit weißen Männern über 40 an der Spitze. Und dann kommt da ein 30-jähriger Wiener und krempelt von heute auf morgen alles um. Eine Ausgabe über Sebastian Kurz und seinen Weg an die Macht.
Alles easy

Als Sebastian Kurz am Sonntagabend vor die Presse tritt um zu verkünden, dass er einstimmig zum neuen Bundesparteiobmann der ÖVP gewählt wurde, wirkt er so, wie er es immer tut: ruhig, konzentriert, selbstsicher. Sein Rhetorik-Training hat sich bezahlt gemacht: Kein Zucken im Gesicht, kein unnötiges Blinzeln, kein Versprecher.

Mit 30 Jahren ist er perfekt geschult und durch und durch Profi. Auch wenn er gleich zu Beginn seine Begrüßung zwei Mal wiederholen muss, weil ihn ein Dutzend Fotografen und Kameraleute aus nächster Nähe im Bild haben möchte.

Video: Irina Oberguggenberger
Durch und durch Politiker

Sein souveränes Auftreten lässt ihn zuweilen auch distanziert und unnahbar wirken. Kurz hat stets den selben Gesichtsausdruck, dieselbe Sprache, dieselbe ruhige Gestik. Kurz wütend, aufgeregt oder gar laut lachend? Fehlanzeige. Ihn kann nichts aus der Ruhe bringen. Zumindest will er, dass es so aussieht.

War das immer schon so? Wir haben mit zwei Wegbegleitern von Sebastian Kurz gesprochen. Freunde, die ihn schon gekannt haben, noch bevor er in das enge Korsett des stets beherrschten und ausgeglichenen Spitzenpolitikers geschlüpft ist.

Video: E. Semrad/I. Purkart
Kurz oder keiner

So, wie er auftritt, scheint er seinen ParteikollegInnen jedenfalls zu gefallen. Kurz hat bekommen, was er wollte: Seine sieben Bedingungen, die er für die Übernahme der Partei gestellt hat, wurden vom Parteivorstand abgesegnet. Der wichtigste Punkt: Die Entscheidungshoheit über das Personal zu bekommen, auch in den Bundesländern.

Sogar die mächtigen Landeshauptleute und die Bünde haben mitgespielt. Kein Wunder, Sebastian Kurz gilt in der Partei als große Zukunftshoffnung - und als die Einzige. 

 

Video: Irina Oberguggenberger
Hoher Beliebtheitsgrad

Das liegt vor allem an seiner großen Beliebtheit bei den Wählerinnen und Wählern. Seit er 2013 Außenminister wurde, steht er an der Spitze des Vertrauensindex. Also jenem Ranking des Meinungsforschungsinstituts OGM, das das Vertrauen der Bevölkerung in die österreichischen Politiker misst. Ob sich das mit seiner neuen Funktion ändert, wird sich erst zeigen. 

„Er ist halt doch ein wenig frischer und nicht nur ein Sesselpicker“, heißt es von einem Stammwähler am Bauernmarkt in Zwettl. In der Gemeinde im Waldviertel hat die ÖVP zuletzt fast 50 Prozent der Wählerstimmen erreicht. Sie scheinen ihrer Partei auch oder gerade unter Sebastian Kurz die Treue zu halten. 

Video: Nicole Kampl
Nicht alle lieben Kurz

Sebastian Kurz ist ein rhetorisches Talent. "Er schafft es, durchaus harte Positionen, die teilweise sehr nah an der FPÖ sind, in Worte zu kleiden, die viel leichter konsumierbar sind", sagt Politikwissenschaftler Thomas Hofer. Genau das macht aber vielen Angst. Von dem um Konsens bemühten, liberalen Integrationsstaatssekretär hat sich Kurz in den letzten Jahre zum Hardliner in der Flüchtlingspolitik gewandelt. Ganz so, als hätte er sich einfach dem angepasst, was bei den Wählerinnen und Wählern gerade gut ankommt.

Es ist also schwer zu sagen, ob hinter Kurz' Arbeit seine Ideologie steckt oder doch bloß Strategie. Die österreichische Journalistin Anneliese Rohrer verfolgt das innenpolitische Geschehen seit Jahrzehnten. Der Hype um Sebastian Kurz macht sie skeptisch. 

Video: Mariella Kogler
Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei

Trotzdem: Die große Hoffnung der ÖVP ist, dass von einem Parteichef und Spitzenkandidaten Sebastian Kurz, die ganze Partei profitieren kann. Dabei will Sebastian Kurz bei den Nationalratswahlen nicht als Spitzenkandidat der ÖVP, sondern mit einer eigenen Liste antreten.

Einen Namen gibt es schon: „Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“. Er selbst nennt diese Liste eine „Bewegung“. Das Ziel: Politikverdrossene als Wählerinnen und Wähler gewinnen. Also jene, die mit den altbackenen Parteien nichts zu tun haben wollen.

Video: N. Kampl/V. Mauler
Ohne ÖVP geht es nicht

Kurz kann die Wahl aber nicht ohne die Stammwählerinnen und Stammwähler der ÖVP gewinnen. Deshalb soll seine Liste - das war auch eine seiner Bedingungen an den Parteivorstand - von der ÖVP voll unterstützt werden.

Dadurch hat er beides: Die ÖVP mit ihrer Struktur, den finanziellen Mitteln und der großen Stammwählerschaft auf der einen Seite und auf der anderen: Eine eigene Liste mit Handlungsfreiheit, neuen Köpfen und der Möglichkeit eine völlig neue Wählerschaft anzusprechen. 

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Magdalena Onderka
Politische Position

Dazu braucht es dann aber auch die richtigen Inhalte. Und da dürfte es noch spannend werden. Denn abgesehen von seiner Position in Sachen Flüchtlingspolitik, weiß man über die politische Einstellung von Kurz nicht all zuviel. Wohl auch deshalb, weil Kurz niemanden auf die Füße treten und sich noch alle Wege offen lassen will. Konservativ, ja eh. Aber wie sieht es in konkreten Bereichen wie Homosexuellen-Rechten oder Vermögensteuer aus? 

Video: Isabella Purkart
Entmachtete Bünde

Bisher haben Landeshauptleute und Bünde bestimmt, was in der ÖVP geschieht. Das soll der Geschichte angehören. Doch auf ihre De facto-Entmachtung am vergangenen Sonntag reagieren die Bünde erstaunlich euphorisch. Statt Grabenkämpfen herrscht allerseits Freude. Wie passt das zusammen? Und wie lange geht das gut?

Video: M. Kogler/P. Wälter
Abwarten

Trotz Beliebtheitsgrad und Umstrukturierung: Die ÖVP auf Neuwahl-Kurs zu bringen ist eine schwierige Aufgabe für den neuen Parteivorsitzenden. In Wahlumfragen liegt die ÖVP vor Mitterlehners Rücktritt nur auf dem dritten Platz. Mit knapp über 20 Prozent Zustimmung ist die Volkspartei weit hinter FPÖ und SPÖ, die auf jeweils fast 30 Prozent kommen. 

Die Zeit als Underdog ist für Kurz jedenfalls vorbei. Jetzt ist er selbst in der Pflicht, seine Partei zu reformieren und bei den Wahlen ein gutes Ergebnis zu erzielen. Je größer die Hoffnung, desto größer die Erwartung. Ein enormer Druck, dem er stand halten muss. 

16.05.17