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Wohin mit dem Kind?
In Julbach im Mühlviertel kämpft eine Mutter für den Erhalt des Gratis- Kindergartens in Oberösterreich. Die schwarz-blaue Landesregierung will Gebühren für die Nachmittagsbetreuung einführen. Am Land, wo das Betreuungsangebot überschaubar ist, fragen sich jetzt viele: Wohin mit dem Kind? Die neue QUERFELDeins-Reportage diesmal aus Julbach.
Wutmutter Vs. Landesvater
Text: Jürgen Pettinger

Das Land Oberösterreich will sparen. Auch bei der Kinderbetreuung. Vor rund 9 Jahren hat die von der ÖVP geführte Landesregierung den ganztägigen Gratis-Kindergarten eingeführt. Jetzt soll er wieder abgeschafft werden. Zumindest an den Nachmittagen soll die Kinderbetreuungab Februar 2018 etwas kosten. Deswegen schreibt Christiane Seufferlein aus Julbach im Mühlviertel einen Brief an den Landeshauptmann Thomas Stelzer:  „Ich werde Ihre Rolle als LandesVATER sehr ernst nehmen und meine Tochter bei Ihnen abgeben. Mangels Alternativen“.

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Der Brief geht viral

Christiane Seufferlein ist Mutter einer 3-jährigen Tochter. Mit ihrem Mann bewirtschaftet sie seit kurzem einen Bio-Bauernhof und drei Tage die Woche arbeitet sie im Bereich Marketing bei der Volkshilfe in Linz. Der Brief aus Julbach geht viral, wird über 4.000 mal geteilt. Christiane Seufferlein erhält viel Zuspruch, aber auch Ablehnung. ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer versichert ihr in einem Antwortschreiben eine "sozial verträgliche" und "flexible" Lösung. Christiane Seufferlein hingegen geht es gar nicht ums Geld: Sie fürchtet um ihren Job.

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Zu wenig Betreuungsangebot

Die Mutter fürchtet, dass es in ihrer Heimatgemeinde Julbach aufgrund der überraschenden Kürzungen bald keinen Nachmittags-Kindergarten mehr gibt, wenn er etwas kostet. Denn viele berufstätige Eltern würden ihre Kinder dann zu Oma und Opa geben.  Bei zu wenig Anmeldungen, komme die Nachmittagsbetreuung  aber nicht zu Stande. Während man in Linz auf zahlreiche Alternativen zurückgreifen kann, sieht es am Land anders aus: Im gesamten Bezirk Rohrbach (OÖ) gibt es nur 12 Tagesmütter, weil die Nachfrage – dank gratis Nachmittags-Kindergärten – bisher nicht so groß war. In der Gemeinde Julbach sogar nur eine Einzige. Die Großeltern von Christiane Seufferleins Tochter wohnen fast 2 Stunden Autofahrt weit weg. So bleibt Seufferlein womöglich nichts anderes übrig, als ihre Arbeit aufzugeben, damit sie sich nachmittags selbst um ihre Tochter kümmern kann. 

 

Video: Video: Jürgen Pettinger & Gabriel Danis / Schnitt: Manuel Etzelstorfer
Ende der Gratis-Mentalität

Das Land Oberösterreich bleibt trotz aller Proteste bei seinem Sparkurs. FPÖ-Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner entgegnet der  „Wut-Mama“ aus Julbach: "Der Staat ist nicht in erster Linie für Kinderbetreuung zuständig. Es gibt auch eine Eigenverantwortung. Man erzieht die Menschen, dass Gratis-Leistungen selbstverständlich sind.“  Tatsächlich ist die Nachmittagsbetreuung in ganz Österreich kostenpflichtig. Jedes Bundesland hat seine eigenen Regelungen.  Nur in Wien und in Oberösterreich ist diese - noch - gratis.

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Grafik: Joana Sumyk
Jeder zweite unzufrieden

Die aktuelle „Familienbefragung 2017“ des Landes Oberösterreich zeigt: Jede/r Zweite ist unzufrieden mit der Kinderbetreuung. 44 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Unterstützung von der öffentlichen Hand.  58 Prozent finden, dass der Ausbau der Betreuungseinrichtungen in Schulen und Kindergärten verbessert gehört.  Die schwarz-blaue Landesregierung in Oberösterreich will an ihren Sparvorhaben – trotz der selbst in Auftrag gegebenen Untersuchung - festhalten. Christiane Seufferlein aus Julbach wird ihre Tochter trotzdem nicht beim "Landesvater" abgeben müssen. Ihr Protest zeigt schon jetzt Wirkung: Der ÖVP-Bürgermeister der Nachbargemeinde Peilstein schlägt eine Kooperation mit Julbach vor, falls die Kindergartengruppe nicht zu Stande kommen sollte.

23.11.17