EINE WOCHE. EIN THEMA.

In 10 Tagen zum Influencer?

Ein paar schöne Bilder posten, ab und zu eine Insta-Story machen, und zack bumm: Schon wird man zum Influencer. Zumindest denken sich das viele. Wie schwierig der Weg zum Insta-Fame tatsächlich ist, hat Meins-Reporter Carl Johann Holzer (@carl_johann) am eigenen Leib erfahren.

Das perfekte Foto

Text: Carl Johann Holzer

Zwölf Uhr mittags in der Wiener Innenstadt. Bei 31 Grad und Sonnenschein sind wir auf der Suche nach einer geeigneten Location für unser erstes Foto. Mein Begleiter trägt Hawaiihemd mit Tennissocken und heißt Manuel. Er ist seit vier Jahren als @meanwhileinawesometown auf Instagram und hat mittlerweile 36.000 Follower. Manuel ist hauptberuflich Influencer. Heute morgen hat er ein Foto von sich gepostet, wie er lässig an einer Hauswand lehnt. "Have a good start into the week folks!" 1.026 Likes. Jetzt soll er mir zeigen, wie man das perfekte Foto schießt.

Endlich haben wir eine geeignete Location gefunden. Eine recht unspektakuläre Verkehrsinsel. Je weniger ablenkt, desto besser, erklärt mir der 30-Jährige.

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In diesem Foto steckt ein halber Tag Arbeit. So wie in den meisten Postings von Manuel. Es gibt viel zu tun: Die Konzeption des Fotos, Location-Suche, das Shooting, die Auswahl und Bearbeitung der Bilder und das Erstellen einer Caption inklusive Hashtags und Markierungen. Doch die Arbeit lohnt sich: Seit ein paar Jahren kann Manuel vom Influencer-Dasein leben. Es schwankt aber monatlich, je nach Auftragslage“, erklärt er mir.

Mit Insta-Fame sein Geld verdienen?  Davon bin ich weit entfernt. In meinem Feed finden sich hauptsächlich Urlaubsfotos. Auf einen roten Faden habe ich noch nie geachtet, und auch meine Hashtags sind nicht wirklich durchdacht. Das alles ändert sich, als ich beschließe, zehn Tage lang alles daran zu setzen, Influencer (@carl_johann) zu werden:

Video: Reporter: Carl Johann Holzer; Dreh/Schnitt: Gabriel Danis

Vom Instagrammer zum Influencer    

Bereits ab 1.000 Followern kommt man für Unternehmen als so genannter Micro-Influencer in Frage, kann also hie und da vielleicht einen Auftrag abstauben, ein Produkt gratis bekommen oder ein wenig Geld verdienen. „Richtig interessant wird’s aber erst ab so 10.000 oder 15.000 Followern“, sagt Social-Media-Expertin Felicitas Kilga. „Dann kann man monatlich schon mal ein paar tausend Euro verdienen“.

Unternehmen schreiben die Instagrammer meist nicht direkt an, sondern wenden sich an spezielle Influencer-Agenturen. Diese suchen dann für das jeweilige Produkt die geeignete Person. Wer könnte diese Sportschuhe gut vermarkten? Wer hat die geeignete Reichweite? Wessen Follower sind laufbegeistert und passen somit in die Zielgruppe? „Man schaut, welche Influencer zum Produkt passen und die Marke vielleicht auch privat gerne mögen. Die sind dann meistens am besten für die Kampagne geeignet“, so Kilga.

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Wenn die Likes zur Währung werden

Prinzipiell gilt: Je mehr Follower, desto mehr Geld kann man für eine Werbekampagne verlangen. Wieviel die erfolgreichsten Instagrammer Österreichs verdienen, verrät mir aber niemand. Über genaue Beträge spricht man in der Branche nicht gerne. Und tatsächlich kann das Einkommen je nach Auftragslage von Monat zu Monat stark variieren. Laut der Zeitschrift Computerbild bekommen die Top Influencer pro Instagram-Kampagne aber bis zu fünfstellige Beträge. Und das sind sie, die erfolgreichsten Influencer Österreichs:

Video: Redaktion: Lisa Lugerbauer; Schnitt: Patrick Artner

Influencen vs Schleichwerben

Auch wenn sie Geld dafür bekommt: Influencerin Sophie würde kein Produkt bewerben, hinter dem sie nicht tatsächlich steht. Sophie (@sophiehearts_com) ist Manuels Freundin, ebenfalls hauptberuflich Influencerin. Fast 32.000 Menschen folgen ihr auf Instagram. Sie versichert mir mehrmals: „Ich arbeite nur mit Marken und Firmen zusammen, dich ich auch wirklich gerne mag. Ich bin ja ein echter Mensch und nicht irgendein Testimonial.“

Und tatsächlich werden Influencer als echte Menschen wahrgenommen. Sie genießen bei ihren Followern großes Vertrauen. Die Werbung, die sie machen, wirkt auch auf mich selbst oft nicht wie herkömmliche Werbung. Viel eher so, als würde mir ein Freund seine neue Sonnencreme empfehlen. Das ist es, was Instagram-Marketing für Unternehmen so interessant macht.

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Ist das Werbung?

Egal, ob TV-Spot oder bezahlter Instagram-Post: In beiden Fällen handelt es sich um Werbung. Werbung muss in Österreich laut Mediengesetz gekennzeichnet werden. Sophie ist das bewusst. Von Sonnencreme bis Lippenstift - wenn es sich um einen bezahlten Auftrag handelt, kennzeichnet sie ihre Postings klar als „Werbung“. Doch nicht alle halten sich an die rechtliche Regelung:

Video: Redaktion: Irina Oberguggenberger; Schnitt: Patrick Artner

Zehn Tage sind eine kurze Zeit

Zehn Tage lang habe ich mich seltsam verhalten. Und alles fotografiert, was man sich nur vorstellen kann: Die selbst gemachte Pizza, den Apfen-Topfen-Crumble und das Lavendel-Eis. Ich habe Freunde gebeten, mitten auf der Straße Fotos von mir zu schießen, nur um regelmäßig neue Fotos posten zu können. Ich habe Storys gemacht, damit meine Follower einen Einblick in mein Leben bekommen. Ich habe gezielt Hashtags verwendet. Und um eine Community aufzubauen, habe ich auch Unmengen an Likes und Kommentaren verteilt.

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Fazit

„Nebenbei“ geht nicht: Influencer zu sein ist kein 40-Stunden-Job, sondern bedeutet rund um die Uhr zu arbeiten. Und die Konkurrenz ist riesig. Schon jetzt gibt es in Österreich 2055 Instagrammer mit mehr als 15.000 Followern. Mein Fazit: Wenn man da mithalten will, muss man sehr viel Zeit investieren – die ich mit Ende dieses Projekts einfach nicht habe.

Nach zehn Tagen habe ich 97 Follower mehr. Immer noch zu wenig, um damit Geld zu verdienen. Zumindest hätte ich Potential, sagt Sandra Thier von Österreichs größter Influencer-Agentur diego5. Und: „Komm wieder, wenn du 10.000 Follower hast.“

29.06.18