EINE WOCHE. EIN THEMA.

Ein ganzer Ort übersiedelt

Zwei Mal stand die oberösterreichische Ortschaft Enghagen seit dem Jahr 2000 komplett unter Wasser. Ein Damm als Hochwasserschutz ist in Enghagen nicht vorgesehen. Das Einzige, was den Bewohnern als Schutz vor dem Hochwasser noch übrig bleibt, ist wegzuziehen. Und das tun sie gerade. [M]eins besucht einen Ort, den es so schon bald nicht mehr geben wird.

Nie wieder Hochwasser

Text: Simone Grössing

Siegfried Kobler schaufelt Schutt in seinem Haus und räumt die Bleche der Rigipsdecken weg. Von seinem Haus sind nur noch die Mauern geblieben. Das Dach, die Türen und die Fenster hat er bereits abgerissen. Bald ist für Kobler nicht nur sein Zuhause, sondern auch das Hochwasser Geschichte. Bis November hat der 55-jährige Elektriker in Enghagen gewohnt, einem Ortsteil von Enns.

Enns Hochwassergebiete

So wird ein ganzer Ort abgesiedelt

Die oberösterreichische Gemeinde liegt zwischen den Flüssen Donau und Enns. Schon zwei Mal hat das Hochwasser Koblers Haus bedroht. „Beim ersten Mal habe ich schon überlegt, ob ich weggehen soll. Beim zweiten Mal war mir dann klar, dass ich das nicht mehr mitmache.“ Siegfried Kobler entschied, zu gehen. So wie die meisten anderen Einwohner Enghagens hat er genug vom Hochwasser. 33 der 38 Häuser werden abgesiedelt. Von Enghagen wird bald nicht mehr viel übrig sein.

Video: Reporter: Paul Fleischanderl, Kamera, Schnitt: Gabriel Danis, Grafik: Magdalena Onderka

Leben mit dem Hochwasser

Auch Familie Trauner will Enghagen den Rücken kehren. Sie hat nicht nur die drei großen Hochwasser-Katastrophen der vergangenen Jahre erlebt, sondern auch viele kleinere. Jedes Hochwasser hat Schäden am Haus hinterlassen. „Das alte Mauerwerk trocknet nicht mehr. Wir haben wochenlang die Entfeuchtungsgeräte stehen gehabt. Irgendwann gibt man es auf“, erzählt Stefanie Trauner. Derzeit sucht die Familie noch nach einem passenden Grundstück für ihre Tischlerei.

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Wer wegzieht, bekommt Geld

Nicht einmal ein Damm hätte Enghagen vor Überschwemmungen schützen können. Deswegen setzt man hier auf den „passiven Hochwasserschutz“. Dazu zählt die Umsiedlung von ganzen Ortschaften. Wer wegzieht, wird vom Staat finanziell unterstützt. Der Bund und das Land Oberösterreich erstatten 80 Prozent des Werts eines Hauses, die Abrisskosten sind darin enthalten. Die Gemeinde bietet in den umliegenden Ortschaften Ersatzgrundstücke für die Absiedler.

Video: Redaktion: Veronika Mauler & Johanna Hirzberger | Grafik: Joanna Sumyk

Drei "Jahrhunderthochwasser" innerhalb von 60 Jahren

Seit 2002 hat man allein in Oberösterreich 900 Millionen Euro in den aktiven und passiven Hochwasserschutz investiert. Doch nicht nur Oberösterreich kämpft gegen Überschwemmungen. Jährlich steckt Österreich 400 Millionen Euro in den Kampf gegen das Wasser. In Österreich gab es bisher drei so genannte Jahrhunderthochwasser: 1954, 2002 und 2013. Jedes Mal war der Donauraum betroffen, wo auch Enghagen liegt.

Video: Redaktion: Veronika Mauler, Schnitt: Patrick Artner

Deswegen wird es immer mehr Hochwasser geben

In den nächsten Jahren sollen Hochwasser in Österreich weiter zunehmen, so die Prognose. Schuld daran ist nicht nur der Klimawandel. Auch die voranschreitenden Bodenversiegelung spielt hier eine Rolle: Bei der Verbauung von Äckern und Wiesen ist Österreich EU-weit führend. In den vergangenen zehn Jahren wurde täglich eine Fläche in der Größe von 30 Fußballfeldern verbaut, ein Gutteil davon versiegelt. Die Folge: Wasser kann nicht mehr in den Grund versickern.

Video: Redaktion: Veronika Mauler, Schnitt: Gabriel Danis

Neustart für die Menschen aus Enghagen

Für die Enghagener wurde das Leben mit dem Hochwasser zur Normalität. Doch auf Dauer bedeutete die erhöhte Hochwasser-Gefahr eine verringerte Lebensqualität. Siegfried Kobler ist deswegen überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist, zu gehen. Auch wenn das bedeutet, dass er sein Haus jetzt mit den eigenen Händen abreißen muss. Mit 55 noch einmal ein neues Haus zu bauen, „ist nicht ohne“, sagt er. Aber er ist sich sicher: „Das Hochwasser wird wiederkommen.“

12.07.18