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April 2016

Glaubhaft im Wahlkampf

Griss tut es. Hofer tut es. Und Khol tut es auch. Die BundespräsidentschaftskandidatInnen glauben an Gott und sagen das auch. Und das obwohl die Zahl der Kirchenaustritte jedes Jahr steigt. Zwar gibt es nach wie vor die kirchlichen Feiertage in Österreich, doch was sie bedeuten, wissen dafür umso weniger. Und trotzdem ist katholisch zu sein eines der Aushängeschilder im Präsidentschafts-Wahlkampf. Warum ist das so? Zufall? Ehrlicher Glaube? Oder einfach nur ein Mittel um Wählerstimmen zu gewinnen?



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Religion als Privatsache

Text: Irina Oberguggenberger

„Ich gehe nicht in die Kirche am Sonntag, ich bin kein gläubiger Mensch“. Der amtierende Bundespräsident Heinz Fischer bezeichnet sich selbst als Agnostiker. Religion sei Privatsache und habe keinen Platz in der Verfassung. Diese Haltung kommuniziert er bereits vor seiner ersten Wahl im Jahr 2004, öffentlich, im Fernsehen.

Geschadet hat ihm das nicht. Zwei Perioden lang steht Heinz Fischer an der Spitze eines Staats mit einer Bevölkerung, die immer noch großteils katholisch ist. Sein Verhältnis zur Kirche wird nie thematisiert oder gar kritisiert.

Ich gehe nicht in die Kirche am Sonntag, ich bin kein gläubiger Mensch.

Bundespräsident | Heinz Fischer

Wer glaubt was?

Beim laufenden Wahlkampf ist das Thema „Religion“ allerdings präsent wie schon lange nicht. Norbert Hofer erzählt, dass er jeden Tag betet, Irmgard Griss und Richard Lugner sind bekennende Katholiken, Andreas Khol sowieso und der Kandidat der Grünen, Alexander van der Bellen, findet es gibt weit Wichtigeres als das Kreuz aus den Schulklassen zu verbannen und denkt sogar laut über einen Wiedereintritt in die Kirche nach. Der einzige der sich praktisch gar nicht zu diesem Thema äußert ist Rudolf Hundstorfer. Er ist konfessionsfrei.

Es ist tatsächlich überraschend und bemerkenswert, dass gleich mehrere Kandidaten ihre christlichen Wurzeln betonen in diesem Wahlkampf.

Politologe | Thomas Hofer

Aus der Mode, in der Mode

Im Jahr 2010 sind 86.000 Österreicher und Österreicherinnen aus der Kirche ausgetreten. Ein historischer Höchststand und kein Zufall: Damals wurden zahlreiche Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche bekannt.  Die Empörung war groß, das Image schwer beschädigt. Wer sich damals von der Kirche distanziert hat erntete meist Verständnis und Zustimmung.  Zwar kämpft die Kirche noch heute mit den Nachwehen der Enthüllungen, doch scheint sich der schlechte Ruf etwas gelegt zu habe. Warum gläubig zu sein wieder salonfähiger geworden ist? Der Theologe und Religionssoziologe Paul Zulehner sieht die Antwort in der Angst vor einer angeblichen „Islamisierung“. Die Menschen wollen ihren eigenen Glauben stärken, um der wachsenden muslimischen Bevölkerung entwas entgegenstellen zu können. 

Die Angst vor der "Islamisierung" ist eher eine Selbstoffenbarung der Christen über die eigenen Unsicherheiten im Glauben.

Religionssoziologe | Paul Zulehner

Die Angst vor dem Kulturverlust

Auch hier geht es im Grunde also um die Flüchtlingsdebatte. Da kommen welche, die nicht nur fremd sind, sondern auch noch eine andere Religion haben. Was, wenn die plötzlich mehr sind als wir? Verlieren wir unsere Kultur? Angela Merkel wurde bei einem Besuch in der Schweiz im Herbst letzten Jahres mit genau dieser Frage konfrontiert.

Der Grund dafür, dass es jetzt wieder betont wird, liegt wohl auch an der Flüchtlingskrise und natürlich auch an einer gewissen Form der Identitätskrise in Mitteleuropa.

Politologe | Thomas Hofer


Die deutsche Kanzlerin wird von einer Frau aus dem Publikum gefragt: „Vor allem mit Flüchtlingen aus Syrien und aus diesen Ländern kommen ja noch mehr Leute mit islamischen Hintergrund zu uns. [Das] beinhaltet ja auch eine große Angst hier in Europa zu dieser Islamisierung, die immer mehr stattfindet. Wie wollen sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?“ Merkels Antwort ist folgende:

„Vielleicht“, meint Merkel weiter, „kann uns diese Debatte dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben.“

Religion gleich Kultur?

Aber hat der katholische Glauben tatsächlich so viel mit der österreichischen Kultur zu tun? Die Meinungen darüber sind sehr unterschiedlich. Wie unterschiedlich, zeigen die Statements von Eytan Reif von der Initiative „Religion ist Privatsache“, Mermina Mumic von der Muslimischen Jugend Österreich und Matthias Kreuzriegler von der Katholischen Jugend Österreich. Wir haben die drei an einen Tisch gesetzt und - unter anderem - zu genau diesem Thema befragt.

Drei Menschen mit drei völlig unterschiedlichen Ansichten zum Thema Religion. In einem sind sich einig: Es ist ihnen egal, ob der oder die künftige BundespräsidentIn gläubig ist oder nicht. Ob das auch den Wählerinnen und Wählern egal ist, wird sich zeigen. Im Wahlkampf sieht es derzeit jedenfalls so aus, als würde es den KandidatInnen zumindest nicht schaden, ihren katholischen Glauben zu kommunizieren.