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Gesamtschule selbst gemacht
An einer Wiener Schule hat man sich eine "Gesamtschule" selbst gebastelt. Ob hochbegabt oder lernschwach – hier sitzen alle gemeinsam in der Klasse. Keine AHS-Unterstufe, keine Neue Mittelschule, sondern ein Schulversuch dazwischen. In dieser QUERFELDeins-Reportage prüfen wir, ob das funktioniert.
Anders als die Anderen
Text: Max Hartmann

Die Schule in der Wiener Anton-Krieger-Gasse hat das System ausgetrickst. Ein System, das vorschreibt, dass alle 10-Jährigen aufgeteilt werden müssen. Die "Guten" in die AHS, die anderen in die Neue Mittelschule (früher: Hauptschule). Ausgesiebt wird in erster Linie nach Volksschulnoten. Dass bei 10-jährigen Kindern – aus verschiedensten Gründen -  oft noch nicht ihr ganzes Potenzial, geschweige denn ihre Talente offensichtlich sind, ist ein gutes Argument. Mehr aber auch nicht. Denn Alternativen gibt es nicht. Zumindest keine, die offiziell Teil unseres Schulsystems wären. Wer also die Dinge anders als die Anderen machen will, der muss sich etwas ausdenken.

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Grafik: Magdalena Onderka
Eine Art Versuchskaninchen

Etwa 1.100 Schülerinnen und Schüler besuchen die Anton-Krieger-Gasse im 23. Wiener Bezirk.  572 gehen in die Unterstufe. Dort wird auch der Stoff der AHS-Unterstufe unterrichtet. Aber: Es ist weder eine AHS-Unterstufe noch eine Neue Mittelschule. Die Unterstufe in der Anton-Krieger-Gasse ist eine sogenannte "Wiener Mittelschule", ein Schulversuch. Also eine Art Versuchskaninchen, an dem Neues erprobt werden soll. Durch diesen "Trick" hat die Schule mehr Möglichkeiten als andere. So sitzen Kinder, die eigentlich auch in ein normales Gymnasium gehen könnten, in einer Klasse mit jenen, die keine AHS-Berechtigung haben. Hochbegabte und lernschwache Schülerinnen und Schüler, solche aus reichen und armen Familien, Kinder mit unterschiedlichen Muttersprachen - alle in einer gemeinsamen Klasse:

Video: Max Hartmann & Gabriel Danis
Eine Entscheidung fürs Leben

Spätestens in der 4. Klasse Volksschule wird es ernst. Lehrer, Schüler, Eltern – sie alle wissen, am Ende des Schuljahres steht eine Entscheidung an: AHS-Unterstufe oder Neue Mittelschule? Viele Faktoren beeinflussen diese Entscheidung. Frei wählen kann nur, wer keinen Dreier im Volksschulzeugnis hat. Entscheidend ist auch der Lebensmittelpunkt: Welche Schulen gibt es überhaupt in der Nähe?

Hinzu kommen aber auch viele nicht ganz so offensichtliche Faktoren. Das Bildungsniveau der Eltern spielt bei der Wahl der Schule eine ebenso große Rolle wie die Frage, ob sich die Eltern eine lange Schulkarriere überhaupt leisten können. Hinzu kommt: viele Kinder hätten in der Volksschule wohl wesentlich bessere Noten, wenn ihre Umgangssprache Deutsch wäre. Ein Umstand, der ihre Schulkarriere und damit ihr Leben beeinflusst. Denn sie landen – vor allem in der Stadt – in Neuen Mittelschulen, die mit den vielen nicht deutsch sprechenden Kindern oft überfordert sind.

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Grafik: Joanna Sumyk, Redaktion: Max Hartmann
Gemeinsame Schule von 10 bis 14

Österreich, Deutschland und Ungarn sind die einzigen Länder in der OECD , die nach dem oben beschriebenen System ihre 10-jährigen Schüler und Schülerinnen aufteilen.  Alle anderen Länder haben bereits die Gesamtschule eingeführt. Die Idee hinter der Gesamtschule: sie soll für Chancengleichheit aber auch für eine Durchmischung sorgen. So gibt es etwa in der Anton-Krieger-Gasse Quoten nach denen neue Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden. Ein Teil der Kinder einer Klasse (25%) hat nicht die Berechtigung für eine AHS-Unterstufe. Und es gibt Plätze für Kinder (25%), deren Umgangssprache nicht Deutsch ist. 

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10 Jahre bis zur Gesamtschule

Die Regierung hat sich darauf geeinigt, dass es künftig Modellregionen für Gesamtschulen geben soll. Das heißt, es gibt jetzt zumindest die Möglichkeit, dass echte Gesamtschulen entstehen können. Allerdings wird das nicht einfach. Denn will man die Idee der Gesamtschule konsequent erproben, dann darf es eigentlich in der Testregion keine Ausweichmöglichkeiten geben. Denn genau das zeichnet die Gesamtschule ja aus, dass wirklich alle Kinder sie besuchen müssen. Das bedeutet, alle Schulen in der Modellregion müssten Gesamtschulen werden. Und da haben Eltern und Lehrer etwas mitzureden. Sie können die Umwandlung ihres einzelnen Schulstandortes nämlich mit einfacher Mehrheit ablehnen. In Vorarlberg – wo man die Gesamtschule befürwortet – rechnet man deshalb mit einer Einführung in acht bis zehn Jahren. 

Video: Nikolaus Riss
Herkunft, Geld, Muttersprache

Herkunft, Geld und Umgangssprache – dieser Mix entscheidet über unsere schulische Zukunft. Wer mit der „richtigen“ Kombination auf die Welt kommt, hat damit auch zumindest die Eintrittskarte für das Schultor der Wahl. Ohne Startvorteile ist die Schulkarriere meist vorgezeichnet und recht kurz. Zugegeben, das ist etwas salopp formuliert. Denn natürlich hilft einem die Eintrittskarte alleine nichts, wenn man sich dann in der Schule nicht anstrengt. Und natürlich ist eine lange Schulkarriere nicht automatisch für jeden und jede der beste Lebensweg. Doch bei unserem Besuch wird klar: Diese Schule versucht Chancengleichheit herzustellen. Diese Chancen tatsächlich nützen, müssen die Schülerinnen und Schüler dann sowieso selbst.

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[M]EINS GEHT QUERFELDEINS

Mit der Reportage-Reihe QUERFELDeins ist ORFeins bis zur Wahl in allen Bundesländern unterwegs. In Wien-Liesing haben wir ein ungewöhnliches Schulprojekt besucht. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Gesucht werden lokale Besonderheiten, spannende Projekte, und inspirierende Ideen, die für ganz Österreich interessant sein könnten. Welche Politik braucht das Land? Schreibt uns eure Gedanken an infoeins@orf.at oder auf der [M]eins Facebook-Seite!

14.09.17