EINE WOCHE. EIN THEMA.
Gefühlt unsicher
Die Kriminalitätsrate in Österreich sinkt seit 70 Jahren. Mit der "gefühlten Sicherheit" stimmen diese Zahlen nicht überein. Was ist da los?

Ich sitze bei meiner Oma in Kärnten, es gibt Kaffee und Kiachln. Wir plaudern über den neuesten Dorftratsch, den nächsten Urlaub und mein Leben in Wien. Und da wird Großmutters Miene plötzlich ganz ernst. Sie fragt mich, wie es denn so sei in der Großstadt, ob ich als junge Frau nicht oft Angst hätte und sagt, dass ich doch bitte aufpassen soll, dass mir nichts passiert. Ich bin ein bisschen perplex. Der Ort, in dem meine Großeltern leben, hat 400 Einwohner, kaum jemand sperrt nachts die Haustüre ab und Wien kennen die beiden nur aus dem Fernsehen. Woher kommen also die ganzen Sorgen? Fühlen sich auch andere Österreicherinnen und Österreicher unsicherer als früher?

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Das "subjektive Sicherheitsgefühl"

Der Vergleich mit den nackten Zahlen zeigt Erstaunliches: Die Kriminalität geht seit Jahren zurück. Das hat einerseits mit Präventionsarbeit zu tun, die es in diesem Ausmaß früher nicht gegeben hat, andererseits auch mit Delikten, die es früher gab und aber heute keine mehr sind. Wie etwa der Strafbestand der Homosexualität. Eine andere Erklärung dafür ist, dass viele Straftaten von Männern zwischen 14 und 24 verübt werden, erklärt mir der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl. Und da die Geburtenrate in Österreich bekanntlich zurückgeht, gibt es davon immer weniger.

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Quelle: Statistik Austria
Aber:

Jeden Tag wird über Überfälle, Diebstähle und Morde berichtet. Mehr als noch vor zwanzig Jahren. Auch das ändert das subjektive Sicherheitsgefühl, selbst wenn im großen und ganzen weniger passiert. Bestes Beispiel: Der Wiener Westbahnhof. Für viele ein Sinnbild der chaotischen Großstadt mit ihrer unüberschaubaren Kriminalität und suspekten Menschenansammlungen.

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Fotos: Joanna Sumyk, Redaktion: Peter Bauer
Brennpunkt Bahnhof

Von Massenschlägereien und Messerstechereien war in den vergangenen Monaten die Rede, von afghanischen und tschetschenischen "Bandenkriegen", die am Wiener Westbahnhof stattfinden. Fahrgäste fühlten sich nicht mehr sicher. Die ÖBB kündigte Maßnahmen an. Zunächst ließen die ÖBB-Manager das gratis WLAN abdrehen. Das würde die Jugendlichen vielleicht daran hindern, dort rumzuhängen? Dann wurden die Mitarbeiter mit Kameras ausgerüstet. Sogenannten Bodycams, die sie am Körper tragen. Der Wiener Westbahnhof also als Kriminalitäts-Brennpunkt, den man meiden sollte? Ich mache mich auf den Weg mit der Kamera. Ein ganz normaler Tag am Westbahnhof: Wie sieht der aus?

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Das politische Spiel mit der Sicherheit

"Die Politik hat heute keine Goodies mehr zu bieten. Nur mehr Baddies", sagt der Kriminalsoziologe Richard Kreissl. Was er damit meint? Es ist das Spiel der Politik mit dem subjektiven Sicherheitsbedürfnis der Menschen. Den Leuten, Angst zu nehmen, die man vorher selbst aufgebaut hat, ist eine einfache Strategie, erklärt Kreissl. Politik schafft Bedürfnisse, die es ohne sie vielleicht gar nicht gäbe. Klar, jedes Verbrechen in Österreich ist eines zu viel. Doch hört man den Politikern zu, möchte man kaum glauben, dass die Kriminalitätsrate vor dreißig Jahren noch um einiges höher war. Ein aktuelles Beispiel: Justizminister Wolfgang Brandstetter in unserem [M]eins-Interview zum Thema "Sicherheit des Bahnpersonals".

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Die Politik der Gefühle

Das Beispiel zeigt: Die Politik nützt das subjektive (Un-)Sicherheitsgefühl, wenn es einer Sache nützt. Erst auf Nachfrage räumt der Justizminister ein, dass die Kriminalitätsstatistik in Österreich "durchaus einigermaßen zufriedenstellend" sei. Warum ist das so? "Die Politik thematisiert ein Problem, und stellt sich selbst als Teil der Lösung dar", sagt Politikwissenschafter Peter Filzmaier. "Generell sind Mitte-Rechtsparteien an Sicherheitsthemen interessiert."

Wenn in den Medien ein Sicherheitsthema an erster Stelle steht, dann sinkt das subjektive Sicherheitsgefühl.
Peter Filzmaier
Politikwissenschafter
Politik und Medien in der Pflicht

Medien berichten häufig über spektakuläre Kriminalfälle. In Island etwa war ein Mordfall vor einigen Wochen prominent in allen Medien - das Land war in Aufregung. Dass Island das Land mit der weltweit geringsten Mordrate ist, war der verunsicherten Bevölkerung in diesem Moment egal. Und genauso egal ist es meiner Oma, wie die Kriminalitätsstatistik aussieht. Wenn sie von einer jungen Frau hört, die in Wien vergewaltigt wurde, dann denkt sie schnurstracks an mich. Da bleibt alles Objektive auf der Strecke und die Gefühlswelt nimmt überhand. Und darum geht es schlussendlich: Mit dieser Gefühlswelt sorgsam umzugehen, auch von Seiten der Medien und der Politik.

01.03.17