EINE WOCHE. EIN THEMA.
Fremdes Herz
Es ist ein medizinischer Durchbruch: Vor 50 Jahren wird in Südafrika das erste Herz erfolgreich transplantiert. Auch wenn der Patient nach 18 Tagen stirbt – der Grundstein ist gelegt. Heute sind solche Transplantationen in Österreich Routine, dutzende Menschen erhalten jedes Jahr ein neues Herz.
Warten auf ein Herz
Text: Irina Oberguggenberger

„Du weißt: Dein Herz ist kaputt und kann sich nicht mehr erholen“. Dominik Lehner kommt mit einem Herzfehler zur Welt. Dank mehrerer Operationen hat er die Krankheit bis zu seinem 19. Lebensjahr einigermaßen im Griff, kann sogar Leistungssport betreiben. Doch dann geht ihm plötzlich die Luft aus. Innerhalb kürzester Zeit beträgt seine Herzleistung weniger als zehn Prozent.

Ab diesem Zeitpunkt liegt Dominik auf der Intensivstation. Zwei Monate wartet er. An einem Montagnachmittag im Oktober 2010 betritt der Chirurg sein Zimmer. Es gibt einen Spender. Und dann geht alles ganz schnell.

 

Video: Video: Veronika Mauler
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Spiel auf Zeit

Vom Beginn der Entnahme bis zum ersten neuen Herzschlag dürfen nur knapp vier Stunden vergehen. Sobald es einen Spender gibt, zählt jede Minute. Die Zuteilung erfolgt über die Vermittlungsstelle für Organspenden, die Eurotransplant, die ihren Hauptsitz in Leiden, in den Niederlanden hat.

Welche Person auf der Warteliste ausgewählt wird, entscheidet der Computer. Genauer: Ein Algorithmus, der mit Hilfe einer Expertenkommission erstellt wurde. Beachtet wird unter anderem wie dringend die Transplantation ist, wie groß die Erfolgschancen sind und wie weit die geeigneten Patienten und Organspender voneinander entfernt sind. Grundsätzlich gilt: Ein Spenderherz aus Österreich ist vorrangig für einen österreichischen Empfänger bestimmt. 

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Grafik: Magdalena Onderka
Leben schenken

Auf der anderen Seite stehen die Spenderinnen und Spender. Ein Hirntoter kann mit seinen Organen durchschnittlich drei Menschen das Leben retten. Manchmal auch mehr. "Dass unser Sohn mit seinen fünf Organen fünf Menschenleben gerettet hat, macht etwas Mut und Hoffnung", so ein Vater aus Niederösterreich, der anonym bleiben will. 

Drei Jahre ist es her, dass sein 18-jähriger Sohn bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Beide Eltern stimmten der Spende nach einem intensiven Gespräch mit dem Arzt zu. 

Dass kein einziger Euro für ein Organ fließen darf, war uns sehr wichtig. Sonst wäre es Menschenhandel.
Vater eines Spenders
möchte anonym bleiben
Video: Video: Veronika Mauler
Organspender bis auf Widerruf

Dabei ist das Einverständnis der Angehörigen rein rechtlich gar nicht notwendig. Denn in Österreich gilt die sogenannte „Widerspruchslösung“. Jede verstorbene Person ist Organspender, solange sie das zu Lebzeiten nicht widerruft. Sprich: Wer nicht dagegen ist, ist dafür.

In Österreich sind rund 35.000 Menschen im Widerspruchsregister eingetragen. Eine relativ geringe Zahl. „Weil das mit dem Widerspruch wohl noch zu wenig bekannt ist und weil ich glaube, dass der Österreicher sich zu Lebzeiten sehr wenig mit dem eigenen Tod beschäftigt“, sagt der Leiter des Herztransplantationsprogramms in Wien, Andreas Zuckermann.

Video: Video: Irina Oberguggenberger/Rita Korunka

Auf die Entscheidung der Angehörigen nimmt man, vor allem wenn es um Eltern eines verstorbenen Kindes geht, aber dennoch Rücksicht. „Im Zweifelsfall ist es auch schon passiert, dass man auf eine Organspende verzichtet hat“, erzählt Zuckermann, „weil es der Transplantation nicht hilft, wenn das dann durch irgendwelche Boulevardmedien geht“.

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Grafik: Magdalena Onderka
Damals und heute

Dass das Herz eines Toten in der Brust eines Lebenden weiter schlägt, ist dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Bernard 1967 erstmals gelungen. Die Sensation war groß. Seither wird das Operationsverfahren ständig verbessert. Das Problem, dass das fremde Organ abgestoßen wird, kann mit Medikamenten, so genannten Immunsuppressiva, eingedämmt werden und auch die Lebenserwartung steigt: Rund 70 Prozent der in Österreich operierten Menschen leben zehn Jahre nach dem Eingriff immer noch.

Raimund Margreiter ist jener Chirurg, der die erste Herztransplantation in Österreich durchgeführt hat. „Am Tag vor mein ersten Herztransplantation habe ich Bernard getroffen. Da haben wir bis drei Uhr früh ordentlich gebechert", erinnert er sich. 

Video: Video: Gerhard Maier
Mit ganzem Herzen

Eine Herztransplantation ist heutzutage in einigen österreichischen Krankenhäusern eine Routine-Operation. Am AKH in Wien dürfen junge Chirurgen am Ende ihrer Ausbildung unter Anleitung bereits Herzen transplantieren. "Weil es im Endeffekt darum geht, fünf große Röhren aneinander zu nähen", sagt der Leiter der Transplantationsambulanz.

 

Das Herz ist stark emotionalisiert. Wir sagen ja auch: Ich liebe dich von ganzem Herzen und nicht: Ich liebe dich mit ganzer Niere.
Andreas Zuckermann
Leiter der Transplantationsambulanz, Wien
Auf der Warteliste

Die Versorgungslage mit Spenderorganen ist in Österreich relativ gut. Wer auf der Warteliste steht, hat sehr gute Chancen, innerhalb von sechs bis neun Monaten ein neues Herz zu bekommen. Wenn es sehr dringlich ist, sogar innerhalb von zehn bis 14 Tagen. Nur fünf von 100 Wartenden sterben, bevor ihnen ein Organ angeboten werden kann.

Anders ist die Situation in Deutschland, weil auch die gesetzliche Regelung eine andere ist. Organspender ist nur, wer zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat oder wenn die nächsten Angehörige der Organspende zustimmen. Diese Regelung wird immer wieder diskutiert. Dabei spielt Ethik eine große Rolle. Sind Organe, die zu einem Menschen gehören, wirklich so einfach austauschbar? Was heißt hirntot überhaupt? Wer hat das Recht, über den Leichnam eines Menschen zu verfügen? Und wo liegt die Grenze?

Video: Video: Gerhard Maier

Trotz mancher Kritik wird die österreichische Regelung nicht ernsthaft in Frage gestellt. Für die knapp 800 Menschen, die aktuell auf der Warteliste stehen, ist das gut so. Die meisten von ihnen werden noch in diesem Jahr ein neues Organ bekommen. So wie damals Dominik Lehner und Michaela Sommerauer, die heute ohne fremde Organe wohl nicht mehr leben würden.

14.03.17