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Es war einmal ein Finanz-paradies
Mit den Paradise Papers haben internationale Journalisten die Steuerflucht von Großkonzernen und Superreichen aufgedeckt. Dabei stellt sich Österreich nur ungern seiner eigenen Vergangenheit. Jahrelang galt ein kleiner Tiroler Ort als absolutes Finanzparadies. QUERFELDeins ist diesmal in Jungholz unterwegs - auf den Spuren von Schwarzgeld und Steuerhinterziehung.
Eine österreichische Exklave
Text: Helene Voglreiter

Die 300-Seelen-Gemeinde Jungholz liegt fast zur Gänze im deutschen Allgäu. Nur an einem einzigen Punkt auf dem Hausberg, dem Sorgschrofen, hängt Jungholz mit Tirol zusammen und gehört deshalb politisch zu Österreich. Die Gemeinde ist nur über deutsche Straßen erreichbar. Die meisten Einheimischen arbeiten in Deutschland, haben deutsche Lebensgefährten, Freunde und eine deutsche Krankenversicherung, sind aber österreichische Staatsbürger. Diese Situation ist nicht immer einfach. Die Bürgermeisterin erzählt von Diskussionen, ob nun der deutsche oder österreichische Notarzt zuständig sei.

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Dem Bankgeheimnis sei Dank

Jungholz hatte aber auch lange Zeit Vorteile durch seine besondere geografische und politische Lage, unter anderem das österreichische Bankgeheimnis. Jahrelang haben Deutsche ihr Geld in der österreichischen Exklave angelegt. Durch das Bankgeheimnis im Verfassungsrang waren sie und ihre Gewinne sicher vor den deutschen Finanzbehörden. In der QUERFELDeins-Reportage erzählen Einheimische über die Vergangenheit des Ortes rund um Schwarzgeld und Steuerhinterziehung. Und ein ehemaliger Banker packt aus.

Video: Helene Voglreiter & Gabriel Danis
Die fetten Jahre sind vorbei

Jungholz kämpft heute mit den gleichen Problemen wie andere kleine Gemeinden am Land. Von ehemals 18 Bauern ist heute nur noch einer übrig. Mehrere große Hotels haben zugesperrt, ebenso wie der Nahversorger und der Kindergarten. Dass zwei von drei Banken aus dem Ort abgewandert sind, hat die Situation nicht gerade verbessert. Aber die Einheimischen wollen nicht jammern. Auf sieben fette würden eben sieben magere Jahre folgen, zitiert der frühere Langzeit-Bürgermeister Bernhard Eggel die Bibel. Er betont, dass die Gemeinde in den guten Zeiten vorgesorgt und in die Infrastruktur investiert habe.

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Von der Steuer- zur Ruheoase

„Natürlich ist es mühsam, wenn man für jede Windel ins Auto steigen muss“, schildert Melanie Eberle, während sie ihren Kinderwagen durch das Dorf schiebt. Gleichzeitig lobt die Anrainerin aber auch die Ruhe und den Zusammenhalt in der Gemeinde. Bürgermeisterin Karina Konrad kämpft, damit der Kindergarten im nächsten Jahr wieder aufsperrt und sie ringt um ein neues Image für ihren Ort: „Man muss sich halt neu entwickeln und neu erfinden.“ Jungholz wolle sich künftig verstärkt als Ruhe-Oase und Familienskigebiet positionieren.  

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Langsamer Abschied

Erst nach und nach hat Österreich das Bankgeheimnis eingeschränkt und Steuerschlupflöcher geschlossen. Seit dem Jahr 2000 dürfen keine anonymen Sparbücher mehr eröffnet werden und seit Oktober des Vorjahres gibt es in Österreich ein Kontenregister. Gerichte und Strafbehörden können bei einem konkreten Verdacht in der Datenbank nachschauen, wer wo ein Konto hat. Nur mit richterlicher Genehmigung kann das Konto auch geöffnet werden, sprich Kontostand und Kontobewegungen werden offengelegt. Ab dem kommenden Jahr nimmt Österreich auch am "automatischen Informationsaustausch" teil. Steuerrelevante Informationen werden dann mit den EU-Staaten, Liechtenstein, der Schweiz, Andorra, San Marino und Monaco geteilt, um internationale Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

 

Video: Helene Voglreiter & Patrick Artner
Panama, Paradise & Co.

Fast jedes Jahr gibt es neue Enthüllungen über die Steuerflucht von Großkonzernen und Superreichen. Die erste Empörung ist meist groß, hält aber nur kurz an. Ob es sich um Steuerhinterziehung oder Steuervermeidung handelt, ist wegen der diffusen Rechtslage oft nur schwer zu eruieren. Klar ist nur eines: Die Finanzparadiese von heute liegen nicht mehr irgendwo in den Alpen, sondern meist auf irgendwelchen Inseln.

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Grafik: Magdalena Onderka
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11.12.17