EINE WOCHE. EIN THEMA.
Vom Leben nach dem Beben
Die Erde in Mittelitalien kommt nicht zur Ruhe. Hunderte Orte und Dörfer sind betroffen. Ein Erdbeben dauert bloß wenige Sekunden. Doch es verändert das Leben für die Überlebenden dramatisch. [M]eins war in der Region rund um Amatrice unterwegs: Ein Bericht vom schwierigen Leben mit und nach den Beben.
Der Erdstoß, der alles ändert
Text: Arthur Einöder, Mariella Kogler

Eine Serie von Erdstößen. Eine gigantische Lawine. Ein vierstöckiges Hotel ist komplett von den Schneemassen verschüttet. Verzweiflung macht sich breit. Ein Meer aus Weiß. Schnee, wohin das Auge blickt. Hilferufe per SMS. Ein Rettungswagen steckt auf der Zufahrtsstraße fest. Dutzende LKW-Ladungen Schnee werden abtransportiert. Und doch sind gerade einmal schmale Zugänge zum verschütteten Hotel freigelegt. Helfer mit Schaufeln, die gegen die Schneemengen ankämpfen. Es ist ein Kampf mit ungleichen Waffen. Ein Kampf gegen die Zeit.

Ich wollte mit bloßen Händen nach meinem Sohn graben. Aber die Behörden haben mich weggeschickt.
Alessio Feniello
sein Sohn wird immer noch vermisst
Das bange Warten der Überlebenden

Es dauert Tage, bis sich die Retter in die Hohlräume des verschütteten Hotels vorarbeiten konnten. Bange Tage für die Überlebenden. Fordernde Tage für die vielen Helfer, die im Einsatz sind. Wie durch ein Wunder können die Einsatzkräfte Verschüttete lebendig aus dem weißen Grab befreien. Sechs Tage nach der Lawine befreit die Feuerwehr noch drei schneeweiße Welpen aus dem verschütteten Heizraum des Hotels. Ein Zeichen der Hoffnung. Hoffnung, womöglich auch noch auf überlebende Menschen zu stoßen.

Video: Video: Gerhard Maier
45.000 Nachbeben seit August

Es ist nicht das erste Beben in der Region und es wird auch nicht das letzte bleiben. Entlang des Apennins treffen der Apulische Sporn, die Afrikanische Platte und das Tyrrhenische Becken aufeinander. Die aktuelle Erdbebenserie startete im August. Seit dem großen Beben am 24. August gab es 45.000 Erschütterungen. Das jüngste Nachbeben, das die Lawinen auslöste, war nur eines davon - ein besonders verheerendes. Die Bebenserie steht laut Experten in einer Reihe mit dem Erdbeben in Umbrien im Jahr 1997 und dem Beben in den Abruzzen 2009.

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Wohnung weg, Arbeitsplatz weg

Die Auswirkungen dieser Beben sind auch heute noch zu spüren. Wir besuchen ein Hotel an der Adriaküste, etwa 80 Kilometer vom Erdbebengebiet entfernt. Hier sind keine Touristen untergebracht, sondern Überlebende aus Accumoli. Ihr Dorf ist vom Beben im August komplett zerstört worden. "Wir versuchen, die Zeit mit Kartenspielen und Billardspielen zu totzuschlagen", sagt Valentino. Sein Haus in Accumoli ist zerstört. Sein Arbeitsplatz im Nachbarort auch. So spielt sich sein Alltag jetzt in diesem Hotel ab:

Video: Video: Mariella Kogler / Veronika Mauler
Alle unter einem Dach

Ein Dorf unter einem Dach: Statt in Accumoli wohnen Valentino und seine Nachbarn jetzt im Hotel Relax. Statt im Haus in einem Hotelzimmer. Man trifft sich nicht mehr auf dem Dorfplatz, sondern in der Hotellobby. "Der eine hat Probleme mit seiner Frau, die andere Probleme mit ihrem Kind, der nächste hat Probleme mit der Verdauung", berichtet Valentino. Das Dorf ist enger zusammengerückt. Privatsphäre ist rar.

Weiterleben im Erdbebengebiet?

Auch die Geschäftsfrau Agata lebt jetzt im Hotel. Sie will sobald wie möglich wieder "nach Hause". So wie die meisten hier. Doch "zu Hause" gibt es nicht mehr. Die Dörfer sind zerstört. Den Menschen aus Accumoli wurden Blockhäuser versprochen. "Vor dem Sommer", so heißt es, sollen sie neben den zerstörten Häusern aufgebaut werden. Neue Blockhäuser mitten im Erdbebengebiet? Ganz absiedeln hat noch bei keinem Erdbeben funktioniert. Die meisten wollen ihre Heimat nicht verlassen, egal wie gefährlich es ist.

Auch wenn es euch seltsam vorkommt. Wir wollen zurückkommen, um hier zu leben.
Agata
Geschäftsfrau aus Grisciano
Jahre des Lebens ohne Zuhause

"Der Wiederaufbau wird Jahre dauern." Eine Floskel, die man oft hört, wenn Politiker und Experten nach einem Beben zur Öffentlichkeit sprechen. Für die Betroffenen sind es Jahre ihres Lebens, die sie ohne ihr Zuhause verbringen müssen. In Notunterkünften, wie im Hotel an der Adriaküste; bei Freunden oder Verwandten. Seit dem Beben in den Abruzzen bei L'Aquila sind bereits acht Jahre vergangen. Betroffen waren vor allem mittelalterliche Gebäude. Im historischen Stadtzentrum von L'Aquila gehen die Aufbauarbeiten schon voran. Doch in den umliegenden Gemeinden steht man - auch acht Jahre nach Beben - immer noch vor einem Trümmerhaufen, wie etwa in Paganica. Paganica hält Winterschlaf - seit acht Jahren. Auf dem Weg durch die Altstadt haben wir das Gefühl als hätten die Menschen ihre Häuser erst gestern verlassen müssen. In den Ruinen finden wir noch persönliche Gegenstände.

Video: Video: Mariella Kogler / Gerhard Maier
Neue erdbebensichere Häuser

In Paganica hat sich ein Konsortium aus der Bevölkerung gegründet, das gemeinsam Entscheidungen trifft, und um öffentliche Gelder ansucht. Das Ziel: Paganica wieder neu aufzubauen - diesmal aber erdbebensicher. Für die Strategie sind Experten aus Österreich vor Ort. Die Donau-Uni Krems entwirft Pläne, studiert alte Fotos und spricht mit den Bewohnern.

Optimistisch geschätzt wird es noch fünf bis zehn Jahre dauern.
Auch acht Jahre nach dem Beben ist in Paganica nicht an ein Ende des Wiederaufbaus zu denken.
Christian Hanus
Donau-Uni Krems
Der Wiederaufbau dauert

Paganica, Accumoli, L'Aquila: Es sind nur drei der vielen kleinen und größeren Orte und Dörfer, von denen nach den Erdstößen fast nur mehr Schutt übrig ist. Ein einziger Erdstoß reicht, um das Leben der Menschen auf Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte nachhaltig zu beeinträchtigen. Einige haben Familie oder Freunde bei den Erdbeben verloren, viele stehen ohne Dach über dem Kopf da. "Wir warten", sagt die Pensionistin Antonia. Doch nicht alle sind so geduldig. Viele fühlen sich im Stich gelassen: von den Behörden, vom Staat, von der Öffentlichkeit. Das Projekt Wiederaufbau benötigt oft Jahre: Die öffentliche Aufmerksamkeit nach einem großen Beben hält jedoch nur kurz...

Video: Video: Michael Baldauf
Was tun, wenn die Erde wieder bebt?

Seit dem großen Beben 1997 sind bereits zwei Jahrzehnte vergangen. Die Kinder von damals haben heute selbst Kinder. Schon vor dem aktuellen Erdbeben hat es etwa im Ort Grisciano Proteste gegeben. Der Wiederaufbau geht einigen zu langsam. Doch lohnt sich der Wiederaufbau überhaupt? Was, wenn es in wenigen Jahren, wieder zu einem Erdstoß kommt? Experten in ganz Europa beobachten genau, wie sich die Platten rund ums Appenin-Gebirge in Italien verschieben. Eine Vorhersage von Erdstößen ist unmöglich. Doch die Geologen können bei erdbebensicherer Bauweise und bei der Gefahreneinschätzung helfen.

Video: Video: Veronika Mauler
Kein Leben wie früher

Bis die Dörfer und Orte wieder richtig aufgebaut sind, wird es dauern. An ein "Leben wie früher" ist noch nicht zu denken. Es wird Jahre, vielleicht noch Jahrzehnte dauern. Und auch nur dann, wenn nicht ein neues Beben wieder alles über den Haufen wirft. Doch an die Zeit in mehreren Jahren denkt in der Gegend rund um Amatrice im Moment ohnehim kaum jemand. Weiterhin suchen sie nach Vermissten. Und die Toten müssen begraben werden.

24.01.17