EINE WOCHE. EIN THEMA.
Die Rückkehr der Bunker
Nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg und der ständigen Angst im Kalten Krieg waren Bunker eigentlich schon längst ein Fall fürs Museum. Doch in den USA boomt der Bunkerbau. Und auch in Österreich werden Menschen, die sich "für den Fall der Fälle" vorbereiten, längst schon nicht mehr als Spinner abgetan.
Der Trend zum Bunker
Text: Arthur Einöder

In den USA leisten sich Milliardäre jetzt Luxus-Bunker. Für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie. Statt in die vierte Yacht investieren sie jetzt in Wassertanks, Instant-Nahrung und neun Meter dicke Wände. Steve Huffman ist einer von ihnen. Dem New Yorker Magazin gibt er stolz Einblick in sein Endzeit-Refugium. Die Auftragslage der einschlägigen Unternehmen ist gut. Es ist die Oberschicht, die derzeit nachfragt. Kein Wunder, wenn man auf die Preisliste blickt. Ein halbes Bunkergeschoss ist für 1,5 Millionen Dollar zu haben. Und so sehen sie aus, die Luxus-Bunker der Mega-Reichen:

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Werbetexte des "Survival Condo Project", illustriert für [M]eins von Joanna Sumyk
Keine Bunkerpflicht mehr

In Österreich ist man mittlerweile vom Bunkerbau abgekommen. Noch lang bis in die 1980er hinein waren Luftschutzbunker und Strahlenbunker bei uns jedoch vorgeschrieben. Jedes Bundesland bestimmt mit der Bauordnung, wie dieser Schutz im Katastrophenfall auszusehen hat. Im Gesetz ist genau festgelegt, wie stark die Wände eines Strahlenbunkers sein müssen, und wann ein Gebäude als Luftschutzbunker geeignet ist. Vom US-Modell der Luxus-Bunker rät der Österreichische Zivilschutz allerdings ab: dafür gibt es kein realistisches Bedrohungsszenario. Aber es gibt wichtige Vorkehrungen, die jeder in Österreich treffen sollte, um für eine Katastrophe gerüstet zu sein. Und: Beim Zivilschutz weiß man, mit welchen Gefahren man zu rechnen hat:

Video: Video: Michael Baldauf
Abhängig vom (Strom-)System

Es gibt ein Szenario, vor dem Zivilschützer besonders auf der Hut sind: Ein länger andauernder Stromausfall. Im Jahr 2017 ist der Erhalt von Infrastruktur und Alltag an Elektrizität geknüpft. Verkehrsmittel, Spitäler, Versorgung: Ohne Strom geht nichts. Geht das Licht aus, dann gehen auch medizinische Geräte in den Spitälern, Kühlhäuser der Supermarktketten und Infrastruktur der Behörden aus. Sofern keine Notstromaggregate zur Verfügung stehen. Und auch die haben begrenzte Lebensdauer. Für manche ist das mit ein Grund, die Stromversorgung in die eigene Hand zu nehmen. Solaranlagen, die die eigenen vier Wände unabhängig von zentral gesteuerten Netzen machen, sind mittlerweile erschwinglich. Der wichtigste Tipp der Zivilschützer: Die Bevorratung.

Wir gehen davon aus, dass es vereinzelt in Ballungszentren zu Giftgasanschlägen kommen kann.
Johann Rädler
Österreichischer Zivilschutzverband
Private Vorbereitung auf den Ernstfall

Vorrat für mehrere Wochen, Unabhängigkeit von staatlichen Systemen wie der Stromversorgung. Martin Mollay hat das beherzigt. Und nicht nur das: In seinem Haus, südlich von Wiener Neustadt, lebt er jeden Tag so, dass er jederzeit in die Wälder flüchten, oder sich im Keller verstecken könnte. "Ich bin auf dem Weg in die Autarkie", sagt er. Seinen Rucksack mit den notwendigsten Dingen hat er stets griffbereit, genauso wie einen Survivalgurt. Welche Dinge er in seinem Überlebens-Rucksack hat, und was er in seinem Keller bunkert, hat er [M]eins gezeigt:

Video: Video: Arthur Einöder
Fähigkeiten fürs Überleben

"Im Zweiten Weltkrieg musste sich mein Großvater und das ganze Dorf Tage lang im Wald verstecken", erzählt Martin Mollay. Überlebensstrategien von damals sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Feuermachen, Trinkwasser finden, im Wald Nahrung finden: Für viele würde das heute ein Problem darstellen.

 

Es kommt vieles Altbewährtes wieder zurück, was als 'unzeitgemäß' abgetan wurde.
Martin Mollay
Survival-Trainer
Bunkerromantik?

Der Zweite Weltkrieg war der letzte Krieg, der tatsächlich in Österreich stattgefunden hat. In den letzten Kriegsjahren vor 1945 gehörte der Bombenalarm für viele zum traurigen Alltag. Zuflucht gab es in den Luftschutzbunkern. Jeder hatte einen gepackten Koffer zuhause stehen mit den wichtigsten Dingen, den Dokumenten, und etwas Spielzeug für die Kinder. Dann ging es in den Bunker. Immer mit der Ungewissheit: Steht das eigene Haus noch, wenn der Alarm vorbei ist? Mit der aktuellen Bunkerromantik der US-Milliardäre hat das nicht viel zu tun. Der Historiker Marcello La Speranza erforscht die Bunker und Keller aus den 1940er-Jahren. Er hat [M]eins auf eine beklemmende Reise mitgenommen. In einigen Kellern findet man auch heute noch "Andenken" an die vielen bangen Stunden im Bunker.

Video: Video: Veronika Mauler
Der geheime Bunker von Österreichs Regierung

Nach Angaben des Zivilschutzes verfügen rund 5% der Österreicher auch heute noch über einen Bunker, der im Bedarfsfall eingesetzt werden kann. Manche große Unternehmen und Ministerien haben ebenfalls vorgesorgt, und für Notbetrieb und Personal eigene Räume angelegt. Aber was passiert mit Österreich im Katastrophenfall? Die Regierung hat ein Ausweichquartier. Es liegt unter der Erde, mitten in den Alpen, in der Nähe von St. Johann im Pongau. Seit den 1970ern ist dort vorgesorgt. Das Bundesheer hat im "Regierungsbunker" eine Einsatzzentrale, es gibt Besprechungszimmer und Büros, von denen aus die Regierung im Notfall ihre Geschäfte fortführen kann. Der Zutritt zum Bunker für Zivilisten und Medien war jahrelang streng verboten. Doch vor wenigen Wochen hat Bundeskanzler Kern erstmals Kameras in den Regierungsbunker blicken lassen. Auch die [M]eins-Kamera durfte in die geheimen Notfallräume:

Video: Video: Jasmin Hoscher
Geänderte Bedrohung

"Wir werden solche Einrichtungen noch jahrzehntelang brauchen", sagt Bundeskanzler Christian Kern. Doch die Bedrohungsszenarien haben sich geändert. Vor 70 Jahren, im 2. Weltkrieg, musste man sich vor Bombenangriffen schützen. Danach, im "Kalten Krieg", blickte man besorgt Richtung Osten: Österreich lag direkt am Eisernen Vorhang. An der Landesgrenze begann die kommunistische Welt und damit die Ungewissheit.

Unsere Welt ist nicht sicherer geworden.
Christian Kern
Bundeskanzler
Der Klimawandel und seine Folgen

Heute sorgt man sich um Terror und Fluchtbewegungen. Sind diese Szenarien realistisch? "Der Klimawandel wird ein großes Thema sein", sagt Wolfgang Kromp. Er ist Risikoforscher, beschäftigt sich also mit allem, was die Menschheit bedrohen könnte. In der Zeitschrift Die Zeit wurde er sogar als "Prophet der Apokalypse" bezeichnet. Für ihn ist das Modell "Bunker" nicht mehr allzu zeitgemäß. Die größte Bedrohung sei im Moment der Klimawandel. "Unsere Pflicht ist, bei den unweigerlichen Zusammenbrüchen, die kommen müssen, dass der Planet bewohnbar bleibt."

Video: Video: Gerhard Maier
Bunkerstimmung

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, immer mal wieder ans Ende der Welt zu denken. Endzeitstimmung gab es in unterschiedlichen Zeitaltern und in unterschiedlichen Kulturen. Krieg, Naturgewalt und Hungersnöte haben tatsächlich schon Nationen und Zivilisationen ausgelöscht. Verlässliche Vorboten oder Anzeichen gibt es allerdings keine. Einen Versuch haben Wissenschafter trotzdem gestartet: die "Doomsday Clock", die Endzeituhr. In der Zeitschrift Bulletin Of The Atomic Scientists veröffentlichen sie eine Einschätzung, wie knapp die Welt an einem Infarkt momentan dran ist. Diese Einschätzung gibt es seit 1947. Im Moment zeigt die Uhr 23:57 und 30 Sekunden. Also "zweieinhalb Minuten vor Mitternacht". Glaubt man dieser symbolischen Uhr, dann stand die Welt erst einziges Mal so knapp am Abgrund wie heute: Nämlich als die USA und die Sowjetunion im Jahr 1953 Wasserstoffbomben testeten.

31.01.17