EINE WOCHE. EIN THEMA.
In der Hoch­sicherheits­gemeinde
Österreich ist das viertsicherste Land der Welt. Das Burgenland wiederum ist das sicherste Bundesland in Österreich. Trotzdem hat die rot-blaue Landesregierung um 500.000 Euro ein Projekt gegen die Unsicherheit gestartet. Wie hängen tatsächliche und gefühlte Sicherheit zusammen? In der neuen Reportage-Reihe QUERFELDeins haben wir gemeinsam mit einem „Sicherheitspartner“ nach dem Rechten gesehen.
Auf Patrouille durch Schattendorf
Text: Helene Voglreiter

Schattendorf an einem schwülen Dienstagnachmittag im Juli. Dieter Schirmer nimmt uns mit auf seiner Runde durch die 2.400-Einwohner-Gemeinde an der österreichisch-ungarischen Grenze. Der 64-Jährige ist seit Oktober als "Sicherheitspartner" unterwegs, im Sommer am liebsten mit dem E-Bike. Bewaffnet ist er auf seiner Patrouille nicht, mit dabei hat er aber ein Tablet, mit dem er Auffälligkeiten dokumentiert. Bei unserem Rundgang treffen wir nur vereinzelt Menschen in Schattendorf. Nicht einmal im Freibad herrscht viel Betrieb, lediglich ein paar Familien mit kleinen Kindern planschen. Wirklich gefährlich erscheint hier an diesem Tag nur ein drohender Sonnenstich.

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Grafik: Joanna Sumyk / Barbara Langendorf
Was passiert, wenn was passiert?

"Sicherheitspartner" wie Dieter Schirmer sollen dabei helfen, dass sich die Bevölkerung sicherer fühlt. "Subjektives Sicherheitsgefühl" nennen das die Experten. Insgesamt 18 "Sicherheitspartner" gibt es – in insgesamt neun burgenländischen Gemeinden sind sie rund um die Uhr unterwegs. 1.085 Vorfälle haben Dieter Schirmer und seine Kollegen in den letzten Monaten gemeldet – von offenen Fenstern und Türen bis hin zu dem Fall einer verwirrten Frau, die sie nach Hause gebracht haben. Insgesamt 37 Mal wurde auch die Polizei verständigt. 

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Alles supersicher? 

In Schattendorf sind die neuen "Sicherheitspartner" mit ihren gelben Warnwesten mittlerweile jedem ein Begriff. "Sie schauen, ob irgendetwas auffällig ist oder ob fremde Personen unterwegs sind", erzählt die Katharina Veren aus der Nachbargemeinde. Der Anrainer Walter Plank betont, dass die Sicherheitspartner nicht beobachten sollten, "wer um drei Uhr früh im Wirtshaus sitzt", aber ansonsten findet er das Projekt "gar nicht so schlecht". Markus Grafl hingegen weiß noch nicht recht, was er von dem Ganzen hält: "Ich hab mich vorher auch nicht unsicher gefühlt, weil nicht viel los war bei uns." 

 

Video: Helene Voglreiter & Gabriel Danis
Das sind die Kriminalitätszahlen

In keinem anderen Bundesland gibt es so wenig Anzeigen und Verurteilungen wie im Burgenland und gleichzeitig eine so hohe Aufklärungsquote. Im Vorjahr wurden im Burgenland insgesamt 10.256 Anzeigen erstattet – um fast 40 Prozent weniger Wohnraumeinbrüche, um die Hälfte weniger Autodiebstähle und um ein Fünftel weniger Gewaltdelikte als noch 2015. Massiv gestiegen sind hingegen die Anzeigen in den Bereichen Cybercrime und Wirtschaftskriminalität. Trotzdem ist das Burgenland nach wie vor das sicherste Bundesland in Österreich und die Politik will, dass das auch so bleibt. 

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Grafik: Joanna Sumyk, Redaktion: Max Hartmann
Die gefühlte Sicherheit

Zahlen und Fakten hin oder her. Die vorrangige Aufgabe der "Sicherheitspartner" ist nicht das Aufklären von Kriminalfällen. Es geht hier – ganz offiziell - um die gefühlte Sicherheit. "Es ist objektiv zwar sicher, subjektiv fühlen sich die Leute aber unsicher", erklärt das der zuständige Projektleiter Christian Spuller von der Landessicherheitszentrale. Die "Sicherheitspartner" sind bei einer privaten Security-Firma beschäftigt, werden aber von der Landesregierung bezahlt, also von Steuergeld. Das einjährige Pilotprojekt für die gefühlte Sicherheit ist mit 500.000 Euro budgetiert.

500.000 Euro pro Jahr

Eine halbe Million dafür, dass sich Menschen in neun sicheren Gemeinden im sichersten Bundesland Österreichs noch sicherer fühlen? Das Projekt sei es auf jeden Fall wert, sagt Christian Spuller, damit das Burgenland auch das sicherste Bundesland bleibe. Zusätzlich betont er, dass durch das Projekt neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.

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"Teure Spaziergeher"?

Das Vorzeigeprojekt der rot-blauen Landesregierung ist nicht unumstritten. Die Grünen kritisieren die Mehrausgaben für die "teuren Spaziergeher" als "reine Marketingaktion". Die Grüne Landessprecherin, Regina Petrik, wirft der Landesregierung vor, durch die Hintertür Bürgerwehren zu installieren. Eine Online-Petition der Grünen gegen das Projekt wurde von rund 600 Menschen unterzeichnet, blieb aber folgenlos. Die ÖVP Burgenland spricht von "blauer Panikmache" und will nicht, dass das Projekt auf andere Gemeinden ausgeweitet wird. Die Sicherheit der Bürger sei bei der Polizei sehr gut aufgehoben, so der schwarze Sicherheitssprecher Rudolf Strommer. Kann Schattendorf mit seinen "Sicherheitspartnern" ein Vorbild für Österreich sein?

Video: Max Hartmann, Arthur Einöder
[M]eins geht QUERFELDeins

Mit der Reportage-Reihe QUERFELDeins ist ORFeins diesen Sommer in den Bundesländern unterwegs. In Schattendorf sind wir dem Thema Sicherheit, beziehungsweise der gefühlten Unsicherheit nachgegangen. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Gesucht werden lokale Besonderheiten, spannende Projekte, und inspirierende Ideen, die für ganz Österreich interessant sein könnten. Welche Politik braucht das Land? Schreibt uns eure Gedanken an infoeins@orf.at oder auf der [M]eins Facebook-Seite!

28.07.17