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Der tiefe Absturz der Grünen
31 Jahre lang waren die Grünen im Nationalrat. Jetzt sind sie dort Geschichte. Bei der Wahl haben mehr Grüne die SPÖ gewählt als die eigene Partei. In Wien-Neubau waren die Grünen zuletzt die stärkste Partei. Doch sogar dort haben die Wähler diesmal ihr Kreuzerl bei den Roten gemacht. Diese QUERFELDeins-Reportage beantwortet, warum.
Das grüne Kernland
Text: Arthur Einöder

Auf den Straßen mehr Fahrräder als Autos; die Läden sind hier hochpreisige Boutiquen, Agenturen, spezialisierte Fachgeschäfte und viel mit Bio im Namen. Wien-Neubau ist der Inbegriff von Grünem Kernland. Bei Wahlen zu Nationalrat und Gemeinderat waren die Grünen zuletzt komfortabel auf dem ersten Platz. Doch die Wählerinnen und Wähler haben sich diesmal anders entschieden. Die Grünen haben hier fast zwei Drittel ihrer Wählerschaft verloren. Ein dickes Minus von 20,34% im Bezirk: Das ist mehr als eine bloße Ohrfeige.

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Grafik: Magdalena Onderka
Die SPÖ hat die grünen Stimmen geschluckt

Die SPÖ hat die grünen Stimmen hier in Wien-Neubau geschluckt. "Schlechtes Gewissen haben wir keines", sagt die SPÖ-Bezirksvorsitzende, "die Grünen sind natürlich politische Konkurrenten." Neubaus SPÖ-Chefin Andrea Kuntzl kann sich über unerwartete Stimmgewinne freuen. Im Wien-Vergleich war ihr Bezirk zuletzt für die Roten wenig hilfreich. Diesmal ist das anders. Für SPÖ-Bezirkschefin Kuntzl liegt der Grund für das große Plus beim Kandidaten Christian Kern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie der QUERFELDeins-Lokalaugenschein zeigt. Die Wählerinnen und Wähler geben in Wien-Neubau ganz offen zu, warum sie diesmal die Grünen verlassen haben, und in Scharen zur SPÖ gewechselt sind:

Video: Video: Irina Oberguggenberger & Gabriel Danis
Die Analyse

Wien-Neubau war die grünste der grünen Hochburgen in den Städten Österreichs. Mehr als 32% haben hier vor vier Jahren noch grün gewählt. Hier ist das Minus besonders groß, doch der Trend ist in ganz Österreich derselbe. Von der Stadt Salzburg bis Hall in Tirol, von Baden bis Hart bei Graz. Es ist fast unvorstellbar: Von den Grün-Wählern des Jahres 2013 haben diesmal mehr die SPÖ gewählt als die eigene Partei. Das ist das verblüffende Ergebnis der großen Wählerstromanalyse, die das SORA-Institut für den ORF nach der Wahl erstellt hat.

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Am Hauptplatz

Der Siebensternplatz ist der inoffizielle Hauptplatz von Wien-Neubau. Prominent das Portal zu einem Kellertheater, nach eigenen Angaben "die führende Wiener Bühne mit Ausrichtung auf Genderthematik." Gegenüber nimmt der Schanigarten eines Cafés die halbe Fläche des Platzes ein. Die Stühle und Tische gehören zum Kulturzentrum Siebenstern, das als Logo einen roten Stern gewählt hat. Man ist hier links, oder kokettiert zumindest damit. Bei unserem Besuch ist das Ende der Grünen im Nationalrat großes Thema. Als wir mit Kamera und Mikrofon eintreffen, unterhalten sich die Gäste im Café bereits über die Grünen.

 

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Der Grüne Bezirksvorsteher ist enttäuscht

Der langjährige Trafikant vom Siebensternplatz, Thomas Blimlinger, ist der Bezirksvorsteher. Für die Grünen - versteht sich. Die Trafik hat er bereits abgegeben. In wenigen Wochen wird er auch in der Bezirksvorstehung einem Nachfolger Platz machen. Die Übergabe ist schon seit Monaten geplant. Dass er sich jetzt mit einem gewaltigen Minus aus "seinem" Bezirk verabschiedet, schmerzt ihn: "Das tut sehr weh. Ich habe bereits vermutet, dass wir das Ergebnis vom letzten Mal nicht halten können werden. Aber dass wir so weit hinunter fallen, habe ich nicht erwartet."

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Langer Aufstieg - jähes Ende

"Ich kann keine Erklärung dafür finden", sagt eine junge Frau, Mitte 20, die mit Freunden am Siebensternplatz den warmen Herbstnachmittag genießt. Die Menschen sind überrascht über das Ergebnis, viele fühlen sich mitschuldig am schlechten Abschneiden der Grünen. Einige wollten ihrer Partei einen Denkzettel verpassen. Doch aus dem Denkzettel wurde ein Kündigungsschreiben: Die Grünen fliegen aus dem Parlament. Für die österreichische Innenpolitik bedeutet das einen Umbruch. Mehr als 30 Jahre lang waren die Grünen im Nationalrat, zuletzt in jedem Bundesland in den Landtagen. Sogar der Bundespräsident kommt aus den Reihen der Grünen. Der Aufstieg dauerte lang. Jahrzehntelang. Mühsam arbeitete sich die Partei hoch - zuletzt unter Eva Glawischnig auf bundesweit 12 Prozent. Der Abstieg ging jedoch rasant. Innerhalb nur weniger Monate waren die über Jahrzehnte gewonnenen Wählerinnen und Wähler weg.

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Der grüne Neustart beginnt in Neubau

Rund um das Parlaments-Team der Grünen werden mehr als 100 Menschen ihren Job verlieren. Parteifunktionäre, Abgeordnete, Büropersonal. Schon in wenigen Wochen werden die Räume des Grünen Parlaments-Klubs an andere Parlamentsabgeordnete vergeben. Die Partei ist nach dem Rücktritt der beiden Spitzenpolitikerinnen Ulrike Lunacek und Ingrid Felipe auf der Suche nach dem Neustart. Dieser Neuanfang wird genau hier beginnen, in Wien-Neubau. Denn immerhin haben die Grünen - trotz dramatischer Verluste - hier noch immer ihr zweitbestes Ergebnis in ganz Österreich geholt. Und: Sogar die Parteizentrale der Wiener Grünen befindet sich in Neubau. Das Gebäude in der Lindengasse war jedoch bei unserem Besuch versperrt.

Video: Video: S. Grössing / N. Riss
QUERFELDeins auf [M]eins

Mit der Reportage-Reihe QUERFELDeins ist ORFeins in allen Bundesländern unterwegs. Bis zur Wahl haben wir lokale Besonderheiten, spannende Projekte und inspirierende Ideen besucht. Wir haben gefragt: Welche Politik braucht Österreich? Jetzt, nach der Wahl, haben wir in Wien-Neubau das Wahlverhalten durchleuchtet. Wo sollen wir als nächstes hinkommen? Schreibt uns eure Gedanken an infoeins@orf.at oder auf der  [M]eins Facebook-Seite!

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17.10.17