EINE WOCHE. EIN THEMA.
Daheim in Aleppo
Reisegruppen, die staunend versuchen, sich im größten überdachten Basar der Welt zurechtzufinden. Junge Studierende, die nach der Uni eine Wasserpfeife genießen. Händler, Moscheen, Sehenswürdigkeiten. Das war Aleppo bis zum Juli 2012. Bevor Raketenwerfer, Panzergranaten und Kampfflugzeuge die zweitgrößte Stadt Syriens zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Ein Trümmerfeld, das Menschen und Kultur unter sich begraben hat.
Touristen in Scharen
Text: Irina Oberguggenberger

Der alte Suq in Aleppo hatte einen ganz eigenen Charme. Er hatte hohe Wände, an denen bunte Teppiche hingen und enge Gassen, in denen die kleinen Geschäfte dicht aneinander gereiht waren. Das Licht kam von orientalischen Lampen an der gewölbten Decke oder kleinen, rechteckigen Öffnungen, durch die von oben ein paar Sonnenstrahlen ihren Weg in die gepflasterten Gänge fanden. Die Verkäufer saßen auf kleinen Schemeln vor ihren Läden und beobachteten, wenn gerade nichts zu tun war, die vorbeilaufende Kundschaft. 

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Fotos: Peter Brugger
Man konnte in Aleppo als Tourist völlig problemlos unterwegs sein, auch am Abend und in der Nacht.
Peter Brugger
ehem. Reiseleiter
Erinnerungen

Es sind Bilder, an die sich Peter Brugger gut erinnern kann. Der 51-jährige Salzburger war jahrelang Reiseleiter und das letzte Mal zu Ostern 2011 mit einer Touristen-Gruppe vor Ort. Aleppo – ein Fixpunkt seiner Syrien-Reisen. Mit jahrtausendalten Kulturschätzen und freundlichem Volk. „Gerade in den letzten Jahren vor dem Krieg ist viel renoviert worden. Also man hat schon gemerkt, dass es einen deutlichen Aufschwung gibt.“, sagt er. Aleppo sei eine sehr touristenfreundliche Stadt gewesen. Die Bewohner und vor allem Schulkinder, Mädchen und Burschen, hätten sich gefreut, wenn sie ihr Englisch auspacken konnten. Und an Sehenswürdigkeiten habe es ohnehin nicht gefehlt.

Aleppo war die zweitgrößte Stadt Syriens, von der Größe vergleichbar mit Wien.
Aleppo
im Norden Syriens
Schutt und Asche

Von den Touristenattraktionen ist fast nichts mehr übrig. Der Suq ist niedergebrannt, die 700 Jahre alten Mahmandar-Moschee durch eine Panzergranate schwer beschädigt und die berühmte Zitadelle von Aleppo, einer der ältesten Festungen der Welt, durch Explosionen weitgehend zerstört. Vieles davon ist UNESCO-Weltkulturerbe. Die Mitgliedsstaaten, auch Syrien, haben sich zu dessen Schutz verpflichtet. Stattdessen sind sie für die Zerstörung mitverantwortlich. „Es ist eine absolute Katastrophe, die sich hier abspielt. Da geht es aber natürlich nur in zweiter Linie um die Kulturgüter, aber in erster Linie um die Millionen Menschen, die Aleppo damals ausgemacht haben“, sagt Peter Brugger. 

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Grafik: Joanna Sumyk
Rückeroberung Assads

In den letzten Wochen erlebten die verbliebenen Zivilisten die schlimmsten Bombardierungen seit Beginn des Kriegs. Hunderttausende von ihnen sind eingeschlossen. Aleppo liegt in einem Kessel und der Angriff kommt von allen Seiten. Assads Truppen wollen die Stadt um jeden Preis zurückerobern, Unterstützung kommt von russischen Kampfjets. Die Gefechte forderten allein in der letzten Woche das Leben dutzender Zivilisten. Hilfslieferungen bleiben aus, die zentrale Pumpstation der Wasserversorgung wurde zerstört. Denjenigen, die es schaffen, nicht von Kugeln, Granaten oder Bomben getroffen zu werden, droht der Hungertod. 

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Fotos: Olympia
Andere Welt

„Wenn ich sehe, was aus meinem Aleppo geworden ist, das macht mein Herz kaputt“, sagt Rasha Corti. Die Syrerin hat in Aleppo maturiert und dort englische Literaturwissenschaften studiert. Heute lebt sie in Wien. Die Nachrichtenbilder von der Bombardierung und Zerstörung der Stadt kann sie sich kaum ansehen. Zu groß ist die Erinnerung an ihr Aleppo. Der Ort, der lange ihr zuhause war. 

Hoffnung in der Hölle

Die, die Aleppo noch immer ihr Zuhause nennen, kämpfen jeden Tag ums Überleben. Und nicht nur ums Eigene. Die so genannten „Weißhelme“ haben es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht Verschüttete aus den Trümmern zu holen, wenn nötig mit bloßen Händen. 60.000 Menschen verdanken ihnen ihre Rettung, darunter viele Babys und Kleinkinder. Für ihren Einsatz hat die oppositionelle Hilfsorganisation vor kurzem den alternativen Nobelpreis erhalten, eine Auszeichnung „für die Gestaltung einer besseren Welt“. Auch für den Friedensnobelpreis war die Organisation nominiert. Darauf sei man stolz, heißt es. "Unser Ziel ist jedoch vielmehr ein Ende des Kriegs in Syrien", so einer der Sprecher der "Weißhelme".

Zwischen Luftangriff und Luxusresort

Zwischen all den unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und all der Zerstörung finden sich in Aleppo aber auch Orte, in denen man vom Krieg praktisch nichts mitbekommt. „Inseln der Seligen" – Vierteln, die die Regierung kontrolliert und wo die Bewohner fast so etwas wie ein normales Leben führen. Mit Hotels, Cafes und öffentlichem Verkehrsnetz. Das syrische Tourismusministerium wirbt sogar für Reisen in die Region. "Kommen Sie nach Aleppo", so der Aufruf des Assad-Regimes. Grotesk, wenn man bedenkt, dass das selbe Regime nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt Bodentruppen und Bomben einsetzt, um die Stadt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen.

Zerstörung und Zuversicht liegt hier so nah beieinander, wie nur irgendwie möglich. Im Gegenzug für die "Inseln der Seligen" fordert die Regierung die Unterstützung der dort lebenden Bevölkerung und hat natürlich auch großes Interesse daran hat, dass diese „Normalität“ auch medial in Szene gesetzt wird. Nichtsdestotrotz, auch das ist Aleppo. 

Ausradiert

Seit über 7.000 Jahren ist Aleppo bewohnt. Die Stadt hat schon so einige Konflikte und Kriege hinter sich. Doch dieser Krieg ist ein besonderer. Neben der abscheulichen Brutalität und den Grausamkeiten, die hier begangen werden, ist auch von der Stadt selbst fast nichts mehr übrig. Verschwindet Aleppo, verschwindet eine der ältesten Städte der Welt und mit ihr Generationen von Kultur und Menschen.

Fünf Jahre Krieg in Syrien: ORF und NACHBAR IN NOT bitten um Spenden, um das Leid der Menschen zu lindern.

05.10.16