EINE WOCHE. EIN THEMA.
Ausgemustert
Warum halten sich manche technischen Entwicklungen? Und warum verschwinden andere auf dem Schrottplatz der Geschichte? [M]eins hat geniale Gadgets von gestern ausgegraben und versucht herauszufinden, warum sie mittlerweile "ausgestorben" sind - oder auch weiterleben.
Das österreichische Internet
Text: Arthur Einöder

Computer gehören vernetzt! Das dachte sich der Grazer Universitätsprofessor Hermann Maurer bereits Anfang der 1980er-Jahre und entwickelte ein Terminal für daheim, das man an TV-Gerät und Telefonleitung anschließen konnte. Das "österreichische Internet" ermöglichte bei bestimmten Unternehmen Banküberweisungen und Urlaubsbuchungen, sowie den Zugriff auf Nachschlagewerke. Und das alles weit vor der Verbreitung des heutigen Internets. Der Name des Terminals damals: MUPID. Ein Begriff, den heute nicht einmal mehr alle Experten kennen.

Zu wenige machen mit

Eine geniale Erfindung, praktische Anwendungsbereiche und für heutige Verhältnisse ein einigermaßen erschwinglicher Preis: Ein MUPID kostete etwa 1000 Schilling, also unter 100 Euro. Die monatliche Gebühr lag unter 10 Euro. MUPID nützte ein Informationsnetz der Post. Der Haken an der Sache? "Man musste das Gerät haben. Erst spät wurden andere Geräte für das Post-System adaptiert", sagt Otmar Moritsch vom Technischen Museum Wien heute. Und: Das Post-System BTX war nach Querelen mit Frankreich nur im deutschsprachigen Raum verfügbar. Den weltweiten Siegeszug trat daher nicht das limitierte MUPID, sondern die Kombination aus PC und Internet an.

Die Geschichte der Innovation ist eine des Diebstahls und des Kopierens.
Gerfried Stocker
Ars Electronica
Der Wettlauf gegen die Zeit

Bei Innovationen tickt die Uhr. Braucht es zu lange, um eine Idee serienreif zu machen und in Produktion zu schicken, ist oft jemand anderer schneller. Und immer die Frage: Ist die Kundschaft schon bereit für das Neue? Das sei generationenbedingt, sagt Hubert Weitensfelder vom Technischen Museum Wien. Junge sind für neue Gadgets eher offen als die ältere Generation. Hinzu kommen noch Unterschiede nach Regionen und Ländern.  Er vermutet, dass in Ballungsgebieten das Interesse für neue Technologien größer sei als am Land. Ein gutes Beispiel für den Fortschritt über die Jahrhunderte und Jahrzehnte: Die Geschichte der Musik aus der Konserve.

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Grafik: Magalena Onderka
In Vergessenheit

Schon lange verwendet niemand mehr "Disketten" zum Speichern von Daten. Das verbreitete Symbol in grafischen Bedienoberflächen, um Daten zu speichern, ist trotzdem die Diskette. Selbst wenn die Daten etwa online in der Cloud gespeichert werden sollen. Um auf dem Smartphone Fotos zu schießen, drückt man auf den Button mit dem Fotoapparat, auch wenn viele Smartphone-User noch nie einen in der Hand hatten. Wir haben Kinder zwischen 6 und 12 Jahren solche Geräte vorgelegt. Können sie mit einer Schreibmaschine oder einem Fotoapparat umgehen? Und wissen sie, welchen Zweck diese Geräte überhaupt hatten?

Auferstehung

Schreibmaschine und Festnetztelefon sind für die meisten von uns schon längst überholt. Unternehmen gehen davon aus, dass sich Nützlichkeit beim Kunden durchsetzt. Doch die Rechnung geht nicht immer auf. Nicht immer ist es sie allein, die entscheidet, welches Gerät wir verwenden. Vinyl etwa feiert schon seit Jahren ein ungeahntes Comeback. Es ist unhandlich, hitzeempfindlich und digital nicht lesbar. Und dennoch schwören Fans darauf.

Nicht immer setzt sich die beste technische Entwicklung durch.
Otmar Moritsch
Technisches Museum Wien

Andere Erfindungen von gestern überleben ebenfalls weiter: Wenn auch in anderer Form als ursprünglich geplant. Im 19. Jahrhundert nutzten etwa ganze Städte das System der Rohrpost. In eine Kapsel wurde ein Brief gesteckt: Über ein System von teilweise unterirdisch verlegten Druckluftrohren wurde der Brief quer durch ein Gebäude, oder gar durch die ganze Stadt geschickt. Das System wurde spätestens mit E-Mails weitgehend obsolet. Doch in manchen Nischen hält sich die Rohrpost auch heute noch. Und zwar zum Transport von Menschen. Dieses Linzer Unternehmen arbeitet an einem interessanten Projekt mit:

Was bleibt? Was geht?

„Die innovationsstärksten Betriebe und Bereiche in der Wirtschaft sind die, die auch sehr starken Leidensdruck haben. So gibt es derzeit kaum so viele Innovationsbestrebungen wie etwa in der Autoindustrie“, so Stocker. Das sei klar, denn die Autoindustrie stünde "gerade davor, gegen die Wand zu fahren." Krisen können also Ansporn für Innovationen sein. Und sonst? Wie funktioniert das eigentlich, das "Erfinden"?

Die Gründe fürs "Aussterben"

Die Zeit verändert sich - jeder Zeit ihre eigene Technik.  "Es ist zu einfach sich die Geschichte der Technik als ewigen Fortschritt vorzustellen", sagt Hubert Weitensfelder vom Technischen Museum Wien. Gründe fürs Aussterben von Technologien gibt es viele: Immer neue, bessere Ideen kommen auf den Markt - wie eben im Fall des Walkman oder des Röhrenfernsehers. Ein Konkurrenzprodukt setzt sich stattdessen durch - wie eben im Fall des MUPID. Und oft wird die Funktionalität kurzerhand von einem anderen, intelligenteren Gerät übernommen: Wie immer öfter durch das Smartphone.

12.04.17