EINE WOCHE. EIN THEMA.
Aufs Impfen schimpfen
Es war ein enormer Durchbruch in der Medizin, Krankheiten können dadurch ausgerottet werden und dennoch: Impfen wird mehr denn je in Frage gestellt. Impfgegner scheinen bei unzähligen Menschen Gehör zu finden. Woher kommt die ganze Skepsis? Und ist sie berechtigt?
Nieder mit den Masern
Text: Irina Oberguggenberger

Vor kurzem haben Eltern über ihre Schulen Post von der Bundesregierung bekommen. Das Schreiben ist ein Aufruf, die eigenen Kinder – sofern noch nicht geschehen – unbedingt gegen Masern impfen zu lassen. Der Grund: Bis Anfang April wurden mehr als doppelt so viele Masern-Fälle gemeldet wie im gesamten letzten Jahr. 

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Quelle: Bundesministerium für Gesundheit und Frauen

Die Impfrate geht zurück, mehr als 20.000 Kinder in Österreich sind derzeit gar nicht gegen Masern geimpft. Und das, obwohl es sich die WHO zum Ziel gesetzt hat die Krankheit zu eliminieren, so wie einst die Pocken.

Möglich wäre das, wenn mehr als 95% der Bevölkerung geimpft sind. Derzeit liegt die Durchimpfungsrate in Österreich im Schnitt aber bei 87%, in manchen Tiroler Bezirken nur knapp über 70%.

Video: Joanna Sumyk
Skepsis macht sich breit

Die Impfrate geht aber nicht nur bei Masern zurück. Die allgemeine Skepsis gegenüber Impfungen steigt. Einer der Gründe: Die Angst vor Nebenwirkungen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass ganze viele Kinder, die einen Impfschaden erlitten haben, nicht dokumentiert wurden" sagt Claudia Helle. Ihre Tochter ist neun Jahre alt und wurde bisher nicht gegen MMR geimpft.

Das Gleiche gilt für die Kinder von Vivien Maxa: "Ich glaube es gibt zu wenig Studien darüber, was Impfungen auslösen können. Von Allergien angefangen bis hin zu Lähmungserscheinungen". Den offiziellen Angaben, wonach Nebenwirkungen mit Langzeitschäden nur äußert selten auftreten, wollen die beiden nicht glauben. 

Video: Irina Oberguggenberger
Mehr Aufklärung, bitte!

Jedes millionste Kind, das gegen MMR geimpft wird, bekommt eine Gehirnentzündung, die mitunter tödlich enden kann. Für die Medizin steht diese Zahl nicht in Relation zu der Krankheitsgefahr. So sterben laut Weltgesundheitsorganisation täglich immer noch rund 400 Kinder an Masern. 

"Hier braucht es dringend Aufklärung", sagt Cornelia Betsch. Die Psychologin erforscht seit Jahren das Impfverhalten und das Misstrauen gegen Impfungen. Ein großes Problem: Wer verunsichert ist, googelt gerne nach. Im Internet landet man schnell auf unseriösen Websites, die über Impf-Mythen berichten. Ein Mythos, der sich bis heute hält: Impfen könne Autismus verursachen. 

Video: Irina Oberguggenberger
Herdenschutz

Ein weiterer Punkt, warum Menschen Impfungen gegenüber misstrauisch sind: "Bei einer Impfung weiß ich gar nicht, ob sie sich überhaupt lohnt. Was, wenn ich mich impfen lasse, obwohl ich vielleicht gar nie mit dem Erreger in Berührung komme?", so Betsch.

Dabei werde oft der soziale Nutzen übersehen. Röteln sind hoch ansteckend, verlaufen aber meist ohne Komplikationen, vor allem Kinder überstehen die Krankheit in der Regel gut. Während der Schwangerschaft sind Röteln jedoch sehr gefährlich. In den ersten acht Schwangerschaftswochen kommt es in 90 Prozent der Fälle zur Schädigung des Embryos.

Dass Schwangere keine Angst haben müssen, sich beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln anzustecken, liegt an der hohen Durchimpfungsrate bei Röteln.

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"Misstrauen unbegründet"

Die Medizinmarktaufsicht Österreich, zuständig für die Prüfung von Impfstoffen, kann die Skepsis beim Impfen nicht verstehen. Nebenwirkungen würden lückenlos aufgezeichnet werden, nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Und strenge Guidelines würden verhindern, dass unzureichende Impfstoffe überhaupt zugelassen werden.

Video: S. Grössing/I. Oberguggenberger
Zehn Impfungen im ersten Lebensjahr 

Derzeit empfiehlt das Gesundheitsministerium für Kinder im ersten Lebensjahr etwa zehn Impfungen. Darunter auch jene gegen Masern, Mumps und Röteln. Auch wenn die Debatte anhält, kommt der Großteil der Eltern dieser Empfehlung nach.

Video: Peter Stacher
Video: Peter Stacher
Arzt gegen Arzt

Zwar nur sehr vereinzelt, aber: Auch Ärzte und Ärztinnen sprechen sich gegen das Impfen aus. So wie Reinhard Mitter. Der Privat-Kinderarzt ist unter seinen Kolleginnen und Kollegen gut bekannt und wenig beliebt. Auch er warnt vor den Nebenwirkungen und bemängelt die fehlende Aufklärung der Wiener Kinderärzte, möchte aber nicht als Impfgegner, sondern als Impfskeptiker bezeichnet werden. Das Wissen über Impfungen hat er sich selbst angeeignet.

Video: Simone Grössing
Keine Impfpflicht in Sicht

Auch wenn die Debatte anhält, eine Impfpflicht für bestimmte Krankheiten, wie beispielsweise in Belgien oder Tschechien, steht in Österreich derzeit nicht ernsthaft im Raum. Stattdessen will das Gesundheitsministerium auf fachgerechte Information setzen. 

20.04.17