EINE WOCHE. EIN THEMA.
Aufgebrezelt
Pünktlich zum Oktoberfest sind Modegeschäfte und auch Supermärkte voller Dirndl und Lederhosen. Immer mehr Menschen kaufen und tragen Trachten. Auch viele Junge. Was steckt hinter dem Boom? Eine wachsende Sehnsucht nach Tradition und Heimat? Oder doch nur ein Modetrend?

Weißwurst, Maß und Lederhosen. Und das mitten in Wien. Seit 2011 wird die Kaiserwiese im Prater jeden September zur „Wiener Wiesn“ erklärt. Fast drei Wochen lang wird hier in Hütten und Zelten getrunken und gefeiert. Rund 300.000 Menschen besuchten das Wiener Oktoberfest im letzten Jahr. So viele, wie noch nie. Viele von den Besuchern sind Junge: Fast die Hälfte der Gäste sind unter 40. Und wie es sich auf einer „Wiesn“ gehört, tragen sie fast alle Tracht. 95% kommen laut Veranstalter in Dirndl und Lederhosen. Aber wie kommt’s? Vor nicht all zu langer Zeit, galten Dirndl und Lederhosen doch noch als provinziell und altmodisch. Heute sieht man beides immer öfter auch in der Stadt.

Trachtenboom

Wer einen Anlass sucht, um in der Stadt in die Lederhose zu schlüpfen, findet heute genug. Da wären etwa der Trachtenpärchenball, Neustifter Kirtag und das Trachten Bungee Jumping. Oder auch die Trachtenwochen des Modepalast Pop Up Store, wo im Herbst Dirndl und Lederhosen ausgestellt werden. Für nächstes Jahr sind schon dreimal so viele Aussteller angekündigt wie heuer, so groß war der Ansturm dieses Jahr.

Der Moderne Mensch verkleidet sich gerne.
Philipp Ikrath
Jugendforscher

Die Liste der Trachtenevents ist lange und sie wächst stetig. Während die heimische Textilindustrie immer wieder mit Verlusten zu kämpfen hat, geht es der Trachtenindustrie, nicht zuletzt aufgrund des Erfolgs solcher Veranstaltungen, vergleichsweise prächtig. Große Trachtenhersteller, wie etwa Gössl, sprechen seit Jahren von „leicht ansteigenden“ Verkäufen. Und selbst bei kleinen Labels, wie etwa dem der Designerin Bettina Griesshofer aus Altaussee, läuft es mehr als gut. Wer eines ihrer teuren Dirndl kaufen möchte, muss 3 bis 4 Monate warten. 

Geboren im Dirndl

Griesshofers Designs sind klassisch. Im Ausseerland steht Tracht schließlich noch für Tradition und Heimat. Hier trägt man das Dirndl nicht zum Feiern, sondern im Alltag. Zum Beispiel wenn man auf den Wochenmarkt geht. Für die Altausseerin Maria Edelhofer etwa, gehört das Dirndl zum alltäglichen Leben dazu. Sie ist im „Steirerkittel“ groß geworden.  

Dirndl und Sneaker

Mit Brauchtum hat die Billigtracht, die man heute beim Diskonter und bei großen Textilketten findet, nicht mehr all zu viel zu tun. Um 50 Euro bekommt man heute schon ein Dirndl. Nicht nur der Preis unterscheidet sie von der herkömmlichen Tracht, sie sieht auch anders aus.

Unsere Generation geht unverkrampfter mit Tracht um.
Kathrin Hollmer
Modejournalistin

Die Stoffe sind bunter, die Schnitte moderner. „Auch bei Tracht gibt es Trends, nur etwas langsamer als in der ‚normalen’  Mode“, so die bayerische Modejournalistin Kathrin Hollmer. Derzeit seien Vintage-Dirndl besonders angesagt. Auf der Wiener Wiesn fällt gerade vor allem die Kürze der Kleider auf und die Art, wie Tracht kombiniert wird:

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Fotos: Joanna Sumyk
Fashion Comeback

Ihr Mode-Comeback erlebte die Tracht spätestens mit Karl Lagerfelds Dirndldesign für Chanel in 2013. Seither sind viele große Namen, wie etwa Tommy Hilfiger oder Hugo Boss auf den Zug aufgesprungen und bringen Trachtenkollektionen heraus.

Junge österreichische Designerinnen wie etwa Lena Hoschek oder Marina Hoermanseder, sind mit ihren volkstümlichen Designs international berühmt geworden. Das Vermischen von Stilen verschiedener Kulturen, ist heute wohl so angesagt wie noch nie. Das weiß auch die Wiener Designerin Imma Baumgartner. Sie kombiniert afrikanische Stoffe mit alten Dirndlschnitten und möchte zeigen, dass Tracht und Weltoffenheit miteinander vereinbar sind.

Exportschlager Heimat

Tracht steht für Tradition und Heimat. Am Land mag das noch so sein. Aber sonst? Tracht wird längst nicht mehr nur in mühsamer Handarbeit in der Region hergestellt, sondern auch in Sweatshops in China oder Indien produziert. Und getragen wird diese eben auch nicht mehr nur im Salzburger Land, sondern auch in Kanada oder Asien. Überall auf der Welt also. Das „Heimatgefühl“ verkauft sich gut. Das chinesische Oktoberfest in Qingdao ist etwa mit rund 3 Millionen Besuchern nach dem Münchner Oktoberfest eines der meistbesuchten der Welt.

Back to the roots?

Woher kommt der Erfolg des Dirndls und der Lederhose? Und wieso feiern so viele Junge plötzlich gerne in Tracht? Ist es wirklich die Sehnsucht nach dem "Heimeligen" in einer zunehmend globalisierten Welt? Eine Besinnung zu den eigenen Wurzeln? Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath sieht das nicht so. Hinter dem Trachtenboom stecke mehr ein Modetrend als eine neue Heimatverbundenheit, meint er. Für die Jungen hätte es fast etwas „Exotisches“ heute Tracht zu tragen. So fremd sei ihnen die eigene Kultur schon geworden. Der moderne Mensch verkleidet sich außerdem gerne. Das sieht auch die Modejournalistin Hollmer so. Für jüngere Generationen seien mit dem Dirndl keine Zwänge oder negative Konnotationen mehr verbunden. "Für uns Jungen ist das Dirndl wie ein Cocktailkleid. Ein Kleid für besondere Anlässe, das mit guter Laune verbunden wird. Wir gehen unverkrampfter mit Tracht um als frühere Generationen", so Hollmer.

Around the world

Den Trachtenboom kann man vielleicht am besten als Ergebnis einer globalisierten Welt verstehen. Einer Welt in der Sneaker und Dirndl eben keine Widersprüche mehr sind und in der Tracht auch in Brasilien und China getragen wird. Die Mode greift nun einmal immer wieder Elemente anderer Kulturen auf und macht diese populär. Und entfremdet sie von deren Ursprüngen. Auch wenn das nicht immer von allen gerne gesehen wird. Unlängst wurde der Designer Marc Jacobs dafür kritisiert, weiße Models mit bunten Dreadlocks für sich laufen zu lassen. Vielleicht ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die ersten traditionellen Trachtenträger gegen den Boom protestieren, weil dieser doch mehr mit Mode und weniger mit Brauchtum zu tun hat. Aber wenn das alles nur ein Trend ist, dann werden die Dirndln und Lederhosen sowieso bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Und solange man nebeneinander im Streirerkittel und in der Lederhosen-Hotpants auf den Wiesn dieser Welt feiern kann, ist sowieso alles gut.

28.09.16