EINE WOCHE. EIN THEMA.
"Ich werde Politiker"
Verhöhnt, verheizt, verbraucht? Innerhalb nur weniger Tage haben gleich zwei Parteichefs das Handtuch geworfen. Reinhold Mitterlehner und Eva Glawischnig wirkten erleichtert, die Politik endlich hinter sich zu haben. Wer tut sich den Albtraumjob Politiker heute noch an? Romana Rainer (24) und Simon Seboth (20) zum Beispiel. Aber warum?
Wer tut sich den Job als Politiker noch an?
Text: Arthur Einöder

Romana Rainer sitzt im Büro und verpackt Geschenkspakete. Stundenlang. Jutebeutel in den Karton, zuklappen, fertig. Jutebeutel in den Karton, zuklappen, fertig. "#jungepolitik" steht auf dem Karton. Es sind Geschenke, die die Junge ÖVP auf Events verteilt. Romana Rainer ist 24 Jahre alt und Mitglied der Jungen Volkspartei. Seit einem Jahr ist sie Parteimitglied. Eine Karriere in der Spitzenpolitik ist für sie verlockend: "Ich mach's. Ich lass mir den Stempel aufdrücken, mache die Schublade auf, und springe hinein. Was ist so schlimm daran?" 

Video: Simone Grössing
Ein Job, der an die Substanz geht

Es sind Arbeiten wie diese, die junge Parteifunktionäre übernehmen. Um "ganz oben" anzukommen, braucht es Ausdauer. "Ganz oben", das ist etwa die Position des Parteichefs oder der Parteichefin. Eine Position, die an die Substanz geht. Mehr noch als den meisten bewusst ist. In Erinnerung gerufen haben das zuletzt Eva Glawischnig und Reinhold Mitterlehner. "Den Job eines Parteichefs kann man nicht ewig machen. In Zeiten dieser medialen Zuspitzung reibt das jeden Menschen einfach auf." Mit diesen Worten hat sich Eva Glawischnig vor wenigen Tagen aus der Politik zurückgezogen. Sie muss heilfroh darüber sein. In der Zeit danach hat sie kein einziges Interview gegeben und öffentliche Auftritte abgesagt.

Video: Claudia Zohner
Aufgerieben zwischen Interessen

"Der Druck hat zugenommen, weil man 24 Stunden sieben Tage in der Woche beobachtet wird." So beschreibt Lothar Lockl die Schwierigkeit des Lebens in der Spitzenpolitik. Von 2006 bis 2009 war er Bundesparteisekretär der Grünen, also so etwas wie der Parteimanager. Danach hat sich Lockl als Politikberater selbstständig gemacht. Bekannt wurde er als Wahlkampfleiter, der Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten gemacht hat. "Wir haben in der Politik leider die Tradition, dass keiner einen Fehler machen darf. Ich darf nicht sagen, 'ich weiß das nicht'", meint Lothar Lockl. Besonders schwierig wird die Sache, wenn dann sogar aus der eigenen Partei Querschüsse kommen. Eine Erfahrung, die gerade Reinhold Mitterlehner mit seinen ÖVP-Kollegen machen musste: "Es ist meiner Meinung nach unmöglich, in einer derartigen Konstellation Regierungsarbeit zu leisten", resümierte Reinhold Mittlerlehner genervt bei seinem Abgang. Die eigene Partei, politische Gegner, Interessen aus der Wirtschaft, Anfragen von Medien, und die kritische Wählerschaft: Als Spitzenpolitiker muss man laufend Rücksicht auf eine Vielzahl von Interessen nehmen. In diesem Video erklärt Lothar Lockl die Herausforderungen.

Video: Claudia Zohner
Karriere bei den Grünen?

"Ich war überrascht über den Rücktritt von Eva Glawischnig", sagt Simon Seboth. Der 20jährige Grüne möchte in die Politik. Dass seine eigene Parteichefin mit nur 48 Jahren aus gesundheitlichen Gründen den Rückzug angetreten hat, entmutigt ihn nicht. "Das ist ein Job, den kannst du nur für einen gewissen Zeitraum machen" Als wir Simon Seboth in der Parteizentrale der Grünen besuchen, läuft gerade eine poltische Diskussion. Junge Funktionäre der GRAS, der Grünen Studierenden, haben sich zur Nachbesprechung der ÖH-Wahlen getroffen. Über das Leben in der Spitzenpolitik macht sich Simon Seboth keine Illusionen. "Ich kann mir vorstellen, für einen gewissen Zeitraum meine Privatsphäre ein bisschen zurückzustecken." Für den politischen Erfolg würde er das einige Jahre lang in Kauf nehmen.

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Grafik: Joanna Sumyk, Redaktion: Arthur Einöder
24 Stunden am Tag unter Beobachtung

Jeder private Theaterbesuch, jedes Bier nach Arbeit, jeder Einkauf im Supermarkt könnte jederzeit in der Öffentlichkeit landen. Auf kontroverse politische Statements kann Hass in den sozialen Netzwerken folgen, oder konkrete Drohungen. "Manche reagieren darauf, dass sie nur mehr sehr vorsichtig formulieren", sagt Politikberater Lothar Lockl. Das Resultat: Die so genannte Politikersprache. Für Lothar Lockl ist das ein Problem: "Man hat das Gefühl, dass das eine künstliche Sprache ist, und dass man den Menschen hinter dieser Rhetorik gar nicht mehr erkennt". Schreckt diese Art der permanenten Öffentlichkeit ab? Für die junge Schwarze Romana Rainer und den jungen Grünen Simon Seboth ist das kein Problem. "Ich würde nie mit meinem Privatleben offensiv in die Öffentlichkeit gehen, aber auch kein Versteckspiel machen", sagt Romana Rainer, wenn sie an ein Leben an der Spitze der Politik denkt. Simon Seboth hat sich eine Strategie zurechtgelegt, in der Politik zu überleben: Authentisch sein. "Wenn man eine Fassade aufsetzt und nie ehrlich ist, dann schafft man das irgendwann nicht mehr, energetisch."

Video: Claudia Zohner
Aber.....

Verhöhnt von den Gegnern auf Facebook, verheizt von den Parteifreunden, verbraucht und allein beim Abgang. Mit den sozialen Medien haben sich Anforderungen an Politikerinnen und Politiker geändert. Aber auch ihre Möglichkeiten. "Top-Politiker heute haben natürlich Social Media Teams, die diese Kanäle mitbetreuen", weiß Social Media Experte Jakob Steinschaden. "Professionelle Fotografen oder Videomacher, die diese Situationen möglichst schön in Szene setzen". Diese Aufnahmen werden immer wieder auch von anderen Medien übernommen, weil sie gut gemacht sind: Über Umwege helfen Soziale Medien den Politikern also auch bei ihrer Inszenierung. "95 Prozent der Politik besteht aus Inszenierung". Dieses Zitat kommt übrigens nicht von einem frustrierten Wähler, der sich über mangelnde Inhalte beklagt, sondern vom Bundeskanzler Christian Kern selbst.

30.05.17