EINE WOCHE. EIN THEMA.
Ärzte (in der) Mangel
Sozialversicherungsträger und Ärztekammer liefern sich erbitterte Wortgefechte, wie es um Österreichs Ärztinnen und Ärzte und damit um die medizinische Versorgung unseres Landes steht. Zwischen „katastrophal“ und „alles bestens“ sind die Fronten verhärtet und die Patienten verunsichert.
Diagnose: Patient kennt sich nicht aus
Text: Max Hartmann

Es herrsche akuter Ärztemangel in Österreich, es gebe zu wenig Kassen- und zu viele Wahlärzte, sagen die einen. Es gebe so viele Ärzte wie noch nie und die höchste Ärztedichte aller OECD Länder, erwidern die anderen. Mehr Hausärzte in den Gemeinden am Land gegen Primärversorgungseinrichtungen, Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag rechne sich nicht mehr, gegen 250.000 Euro durchschnittliches Jahresgehalt. Kurz: es herrscht große Verwirrung. Wer jetzt, was jetzt, wie genau? 

Video: Joanna Sumyk
Ärztekammer fordert viel mehr Kassenärzte

Die Ärztekammer – allen voran die Wiener Ärztekammer – ist der Ansicht, dass es viel zu wenige Kassenärzte gibt. Zugleich nehme die Zahl der Wahlarztpraxen zu. Besonders betroffen davon sind etwa in Wien Kinderärzte und Gynäkologen. Derzeit gibt es in Wien 84 Kinderärzte mit Kassenvertrag, 110 arbeiten privat. Bei Frauenärzten ist es noch deutlicher: 103 haben Kassenverträge und 279 arbeiten als Wahlarzt. Professor Leo Chini von der Wirtschaftsuni Wien hat im Auftrag der Ärztekammer Wien eine Studie durchgeführt, die sich mit der demografischen Entwicklung und dem Versorgungsbedarf in Wien beschäftigt. Er sieht schwere Zeiten auf uns zukommen. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Anspruchsberechtigten gestiegen, während es vor allem immer weniger Allgemeinärzte mit Kassenvertrag gebe. Derzeit seien gerade einmal 20 Jungärzte in Wien in der Ausbildung zum Turnusarzt.

Im Jahr 2030, also in nur 14 Jahren, fehlen uns allein in Wien zwischen 3000 und 4000 Ärztinnen und Ärzte.
Leo Chini
Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien
Video: Simone Grössing
Gesucht: Kassen-Kinderarzt in Purkersdorf

Wie es ist, keinen Kassen-Kinderarzt mehr zu haben, das weiß seit Oktober die Stadt Purkersdorf in Niederösterreich. Die letzte Ärztin mit Kassenvertrag arbeitet jetzt für die große Gruppe der Gebietskrankenkassenversicherten als Wahlärztin. Das bedeutet, dass die Eltern die Behandlung ihrer Kinder bezahlen müssen und von der Krankenkasse nur einen Teil des Geldes zurückbekommen. Das können sich aber viele Familien nicht leisten.

Video: I. Purkart / J. Hoscher
Vom Traumjob des Landarztes

Grüß Gott, ich bin der Landarzt – immer weniger junge Ärzte können sich vorstellen, Allgemeinmediziner in kleinen Gemeinden am Land zu werden. Tatsächlich gibt es derzeit in 646 von 2100 Gemeinden Österreichs keinen einzigen Arzt.  Das hat laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger aber damit zu tun, dass diese Gemeinden zu klein sind, als dass es sich für einen Arzt lohnen würde, dort zu ordinieren. Ein Kassenarzt benötige laut Hauptverband zwischen 2.000 und 3.000 Patienten in seinem Umkreis, um auf ein Gehalt zu kommen, das den Wünschen der Ärzte entspricht. 

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Bilder: Joanna Sumyk
Video: Tobias Pötzelsberger
Sozialversicherungen sprechen von „Panikmache“

Anders als die Ärztekammer sehen die Sozialversicherungen die Sache. „Noch sind so viele Ärztinnen und Ärzte wie noch nie in Österreich tätig“, sagt die Präsidentin des Hauptverbands der Sozialversicherungen Ulrike Rabmer-Koller.  Demnach praktizierten 2015 in Österreich 44.000 Ärzte. Damit habe man die höchste Ärztedichte aller OECD-Länder. Für Kassenärzte gebe es in Österreich insgesamt 9.595 Stellen, von denen – laut Hauptverband – 86 mehrmals ausgeschrieben werden mussten, weil es keine Bewerber gab. Allerdings sieht man auch im Hauptverband Handlungsbedarf, was das Thema Pension und damit einhergehend die Frage der Nachfolger angeht. Deshalb wolle man neue Versorgungsformen schaffen. Geplant seien sogenannte Primärversorgungseinrichtungen – gemeint sind damit Einrichtungen an denen Ärzte, verschiedene Therapeuten und Pflegefachkräfte für die Patienten zur Verfügung stehen. 

Die immer wieder behaupteten Horrorszenarien der Ärztekammer sind nicht nur falsch sondern auch eine fahrlässige Panikmache.
Ulrike Rabmer-Koller
Hauptverband österreichischer Sozialversicherungsträger
Kassenarzt aus Leidenschaft

Der Wiener Gynäkologe Gunnar Gauff  bekommt den aktuellen Mangel an Kassenärzten am eigenen Leib zu spüren. Nach seiner Tätigkeit im Krankenhaus, eröffnete er vor zwei Jahren seine erste Praxis im 17. Bezirk. Mittlerweile ist auch er überlaufen. Auf einen Termin wartet man in der Regel 6 Wochen. Um sich um alle Patienten kümmern zu können, holt Gauff sich sogar einen weiteren Arzt in die Praxis. Wahlarzt möchte Gunnar Gauff aber trotzdem nicht sein: „Die Grundversorgung ist mir wichtig“, so der Frauenarzt.

Video: Simone Grössing
Promoviert und verabschiedet

Wenn Österreich nicht bietet was man sich erhofft – z.B. einen Facharztplatz in der gewünschten Abteilung – dann weicht man eben ins Ausland aus. Und während manche Gegenden in Österreich händeringend nach passenden Ärzten suchen, wandern viele einfach aus. In der Schweiz und in Deutschland sind in Österreich ausgebildete Ärzte herzlich willkommen. Sie finden dort Arbeitsbedingungen vor, die für einige attraktiver erscheinen als hierzulande. Von Kanada über die Schweiz und Deutschland: Via Skype hat [M]eins Österreicherinnen und Österreicher durchgerufen, die anderswo als Ärzte arbeiten.

Video: I. Purkart / J. Hoscher
14.12.16