EINE WOCHE. EIN THEMA.
Bauch-Entscheidung
Darf eine Frau frei darüber entscheiden, ob sie abtreiben möchte? Eine Frage, die in Polen gerade Hunderttausende auf die Straße gebracht hat. Die Wogen gingen hoch, AbtreibungsgegnerInnen gegen AbtreibungsbefürworterInnen, beide Seiten mit zahlreichen Argumenten. Auch in Österreich sorgt das Thema für Diskussionsstoff. Befeuert durch unsere Gesetzeslage, die – wie so oft – eine Kompromisslösung ist.

 „Ich habe damals zwei Tage lang überlegt und war mir dann ganz sicher: Nein, ich möchte diese Schwangerschaft nicht“. Wir haben lange nach einer Interviewpartnerin gesucht. Sonja Ablinger erklärt sich schließlich bereit. Sie ist eine der wenigen Frauen, die öffentlich über ihren Schwangerschaftsabbruch sprechen. Fast dreißig Jahre ist es her und trotzdem ist das Thema noch immer irgendwie unangenehm. Vor dem Interview denkt sie sogar kurz darüber nach, sich nur anonymisiert filmen zu lassen. Nicht etwa deshalb, weil sie ihre Entscheidung bereut. Sondern weil ein Schwangerschaftsabbruch noch immer so ein Tabu ist. "Ich habe den Eindruck, dass es etwas Verstecktes ist, etwas Geheimes" sagt sie. Damit sich das endlich ändert, meint die ehemalige SPÖ-Nationalratsabgeordnete, muss mehr darüber gesprochen werden.

Video: Video: Irina Oberguggenberger
40 Jahre Fristenlösung

Wenn man als Frau in Österreich abtreiben will, dann kann man das in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft tun. Ohne Begründung, ohne Wartefrist. Seit über 40 Jahren ist das so. „Fristenregelung“ wird der Gesetzesparagraph umgangsprachlich genannt.

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Grafik: Joanna Sumyk
Straffrei, aber nicht erlaubt

Das Kuriose: Eigentlich ist Abtreibung in Österreich rechtswidrig. So steht es im §96 des Strafgesetzbuches:

§ 96.(3) Eine Frau, die den Abbruch ihrer Schwangerschaft selbst vornimmt oder
durch einen anderen zulässt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.

Jedoch: erfolgt die Abtreibung in den ersten drei Monaten, ist sie straffrei. Das heißt, es gibt keine strafrechtlichen Konsequenzen. Eine Kompromisslösung, die 1975 im Parlament beschlossen wurde. Selbst liberale PolitikerInnen wollen an dieser Gesetzeslage nichts ändern. Zu groß ist die Angst damit eine Debatte zu starten, die sich nur allzuschnell in die Gegenrichtung bewegen könnte.

Video: Video: Simone Grössing
Abtreibung am Küchentisch

Vor dieser Zeit war Abtreibung sehr wohl strafbar. Offizielle Anlaufstellen für Schwangere gab es nicht. Für viele die einzige Möglichkeit: Der Weg zur „Engelmacherin“. Personen, die illegal Schwangerschaftsabbrüche vornahmen, oft unter schlechten hygienischen Bedingungen, die lebensbedrohliche Folgen für die Schwangeren hatten. Elisabeth Haidler hatte 1958 Glück. Ihre Abtreibung hat ein Arzt durchgeführt. Unter strenger Geheimhaltung und natürlich anonym. "Das ist bei meiner Mutter in der Gemeindewohnung am Küchentisch passiert" erinnert sich die heute 75-Jährige. "Meine Mutter hat die Lampe gehalten, damit der Arzt arbeiten kann."

Video: Video: Veronika Mauler
Video: Video: Veronika Mauler
Keine Zahlen

Mehr als 40 Jahre später sorgt das Thema Abtreibung noch immer für Diskussion. Vor allem die Tatsache, dass Österreich neben Luxemburg das einzige europäische Land ist, in dem es keine statistische Erhebung von Schwangerschaftsabbrüchen gibt. Man weiß weder wie viele Abtreibungen jährlich vorgenommen werden, noch wer die Patientinnen sind.

Geht es nach dem kirchennahen Verein „Aktion Leben“ soll sich das ändern. Mit Unterstützung der Ärztekammer und dem Österreichischen Institut für Familienforschung wurde eine parlamentarische Bürgerinitiative gestartet, die eine bundesweite, anonyme Statistik über Schwangerschaftsabbrüche fordert. Vor allem die Gründe sollen erforscht werden, um präventiv Abhilfe zu schaffen. Nicht alle sind davon begeistert.

Video: Video: Irina Oberguggenberger/Eva Maria Kaiser
Im Schnitt zwischen 500,- und 800,- Euro

Ein weiterer Streitpunkt: Österreich ist das einzige Land in Westeuropa, in dem Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch selbst bezahlen müssen. Ein Grund dafür: So lange eine Abtreibung formell noch eine Straftat ist, werden Krankenkassen kaum dafür aufkommen, meint Dr. Christian Fiala, Facharzt für Gynäkologie.

Wenn es nach ihm geht, sollen Frauen abtreiben dürfen. Es sei ganz allein ihre Entscheidung. Als Abtreibungsbefürworter will er aber nicht bezeichnet werden. Denn auch ihm wären weniger Schwangerschaftsabbrüche lieber.

Video: Video: Veronika Mauler
Zur Abtreibung nach Wien

Außerdem ist in Österreich kein Arzt/keine Ärztin dazu verpflichtet, eine Abtreibung vorzunehmen. Viele verweigern den Eingriff. Entweder aus eigener Überzeugung oder aus Angst vor Kritik und Imageschäden. Das führt dazu, dass zum Beispiel in Vorarlberg, Tirol und dem Burgenland kein einziges Krankenhaus Abtreibungen durchführt. Schwangere müssen oft nach Wien. In der Bundeshauptstadt gibt es mehrere Kliniken und Praxen für Schwangerschaftsabbruch. Aber auch hier gibt es genug Gegenwind. Vereine wie "ProLife" demonstrieren immer wieder vor Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Auch junge Menschen beteiligen sich an den Protesten.

Video: Video: Simone Grössing/Veronika Mauler
Österreich im Vergleich

Im Europavergleich gehört Österreich keineswegs zu den restriktivsten Ländern. So ist Abtreibung in Malta ausnahmslos verboten. Frauen und ÄrztInnen drohen hier bis zu drei Jahren Haft. In Irland, Polen, Andorra, Monaco und San Marino ist sie nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Zum Beispiel, wenn das Leben der Schwangeren unmittelbar in Gefahr ist.

Im restlichen Europa sind die Gesetze alle relativ ähnlich. In den meisten Ländern kann eine Abtreibung bis zur 12. oder 14. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden, in besonderen Fällen auch später.

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Grafik: Joanna Sumyk
19.10.16