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April 2016

10 kleine Kartoffeln

Von zehn Speisekartoffeln werden nur drei gegessen. Was passiert mit den anderen sieben auf dem Weg von der Ernte auf den Teller? [M]eins begibt sich auf die spannende Spurensuche zwischen Produktion, Industrie und Verkäufern.



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Essen verschwenden ist Mist!

Text: Arthur Einöder

"Essen verschwenden ist Mist!" Ein ORF-Programmschwerpunkt gibt Tipps und Tricks, wie man zuhause vermeiden kann, dass Essen im Müll landet. Der Konsument daheim: Für die Lebensmittel ist das sowas wie der "Endboss" auf ihrer Mission, gegessen zu werden. Fast wie in einem Computerspiel. Fünf Levels gibt es zu überstehen: Die Ernte, die Lagerung, die Verarbeitung, den Vertrieb und schließlich - den Konsumenten. [M]eins begleitet diese Woche 10 Kartoffeln. Auf ihrem Weg vom Acker auf den Teller. Nur 3 davon werden es in unseren Magen schaffen. Was passiert mit den anderen 7? Die Spurensuche beginnt bei der Ernte hier im Marchfeld:

Am Beispiel der Kartoffel

Jedes Jahr, ab August, werden die Kartoffeln geerntet. Mit speziellen "Kartoffelrodern", wie sie hier im Video zu sehen sind. Das sind Maschinen, die von einem Traktor gezogen werden, und die ganze oberste Erdschicht vom Boden aufnehmen. Oben am Kartoffelroder warten schon die Erntehelfer. Sie beginnen auszusortieren: Welche Kartoffeln nehmen sie mit? Eine der 10 Kartoffeln ist kaputt: vom Drahtwurm befallen. Mit etwas Glück erkennt man das schon direkt am Acker. Ansonsten kommen die Arbeiter erst später darauf, wenn die Kartoffel von der Erde gesäubert wurde. Noch eine zweite Kartoffel wird aussortiert. Sie ist zu klein oder zu verformt, vielleicht hat sie auch eine unschöne Druckstelle vom Ernten. Diese Kartoffeln kann man nicht verkaufen. Die Kunden würden später im Geschäft lieber einen anderen Sack nehmen.

Beim Einkaufen von Lebensmittel müssen Konsumenten allein auf das äußere Erscheinungsbild von Produkten vertrauen.

Wie denkt die Marketing-Expertin über uns Kunden und unser Kaufverhalten?

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Marketing-Expertin | Monika Koller

Da waren's nur noch 8.

Vom Acker kommen 8 kleine Kartoffeln ins Lager. Dunkel muss es dort sein und trocken. Durch ihre Poren nehmen Kartoffeln Feuchtigkeit auf. Bei schlechter Lagerung beginnen sie zu faulen. Hier im Lager (manchmal sogar in modernen Kühlhäusern) warten die Kartoffeln darauf, verkauft zu werden. An einen Vermarkter, der die Kartoffel in Säcke verpackt, und dann an einen Supermarkt liefert. Eine unserer 8 Kartoffeln wird nicht rechtzeitig verkauft, bevor sie zu faulen beginnt. Sie schafft sie es nicht ins nächste Level. Eine andere Gefahr: gibt es zu viel Angebot am Markt und wartet der Bauer zu lange auf bessere Preise - auch dann kann es passieren, dass es für eine unserer Kartoffeln heißt: "game over".

Da waren's nur noch 7

Nicht alle Kartoffeln müssen im Lager warten, bis sie verkauft werden und man sie in Säcke steckt. Einige sind bereits verkauft, bevor sie überhaupt ausgesät werden. Unternehmen wie McDonald's (für Pommes Frites) und Kelly's (Kartoffelchips) haben Abnahmeverträge für besondere Kartoffelsorten. Für Chips und Pommes eignen sich Kartoffeln mit hohem Stärkegehalt am besten. Eines haben aber alle Kartoffeln gemeinsam: sie müssen irgendwie weiterverarbeitet oder verpackt werden. Auch für Fertiggerichte werden Kartoffeln verwendet. Wie bei Elfer, einem Unternehmen in Frastanz in Vorarlberg. Ein Unternehmen, das gleich mehrere Produkte anbietet. Und: Man hat sich eine interessante Strategie ausgedacht, wie Lebensmittelabfälle in der Industrie minimiert werden können:

Da waren's nur noch 6.

Bei der Verarbeitung und bei der Verpackung geht eine weitere unserer Kartoffeln verloren. Schüttverluste, Transportschäden - oder wie hier im Video: Abfälle bei der Weiterverarbeitung mit Maschinen. Bei einigen Unternehmen wird mehr, bei anderen weniger weggeworfen. Im Durchschnitt sind es sechs kleine Kartoffeln, für die es jetzt abgepackt in den Supermarkt geht. Entweder im Kartoffelsack oder bereits verarbeitet im Tiefkühlbeutel. Für die sechs Kartoffeln, die es bis hierher geschafft haben, warten in Level 4 neue Herausforderungen: Supermärkte, Lieferanten und Händler müssen sich an Hygiene- und Gesundheitsvorschriften halten. Österreich hat strenge Gesetzte. Für die Einhaltung sorgen die Marktbehörden der Bundesländer. Sie überpfrüfen unter anderem: Wird die Kühlkette eingehalten? Geht alles mit rechten Dingen zu? Ist die Packung beschädigt? "Wir kontrollieren das Lebensmittelrecht, egal ob das ein Supermarkt ist oder eine soziale Einrichtung", sagt Alexander Hengl. Er ist einer der 200 Lebensmittelinspektoren, die im ganzen Land auf die Sicherheit unserer Nahrungsmittel schauen. [M]eins durfte ihn exklusiv auf einem seiner Kontrollbesuche begleiten.

Da waren's nur noch 5.

Im Vertrieb - also im Supermarkt oder im Großmarkt - geht eine weitere unserer zehn Kartoffeln verloren, auf ihrer Mission, gegessen zu werden. Hygienevorschriften, kaputtgegangene Verpackungen, Probleme bei der richtigen Kühlung. Es sind nur fünf Kartoffeln, die es nach Hause zum Käufer schaffen. Zum Beispiel im Kartoffelsack: Ein Kilo, zwei Kilo, fünf Kilo. Größere Verpackungen gibt es zum Vorteilspreis. Wer mehr kauft, bekommt pro Kartoffel einen besseren Preis. Aber: nicht immer gelingt es den Konsumenten, den ganzen Sack aufzubrauchen, bevor die Kartoffel beginnt, grüne Triebe zu entwickeln. Vielleicht hat man auch gerade keine Lust auf fünf Kilo Kartoffeln, oder irgendwer schafft es nicht, die bereits gekochte Portion aufzuessen. Tatsächlich gegessen werden nur drei unserer ursprünglich zehn Kartoffeln. Aber: Es gibt gute Tricks, die Haltbarkeit von Lebensmittel zu verlängern. Und: Nicht immer ist ein Lebensmittel, das nicht mehr komplett frisch aussieht, auch tatsächlich bereits ungenießbar. Das sagen nicht nur Aktivisten und Weltverbesserer. Das bestätigen sogar die obersten Gesundheitsbehörden des Landes. Bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sind sogar eigene "Tester" beschäftigt. Zu deren Aufgabengebiet gehört es auch, Lebensmittel zu kosten. Damit helfen sie Verbrauchern, aber auch der Wirtschaft dabei, Kosten zu sparen. Und: Lebensmittel vor dem Mistkübel zu retten.

Da waren's nur noch 3.

Zehn Speisekartoffel. Nur drei davon werden gegessen. Es ist ein Wettlauf um die Haltbarkeit in fünf Etappen. Und: Es ist ein Rennen um Kompromisse. Ist es uns das wert, zuerst alle unsere Freunde durchzutelefonieren, ob sie übrig gebliebene Kartoffeln haben, bevor wir selbst welche kaufen? Ist es uns das wert, stärkere Spritzmittel (wieder) zu erlauben, um dem Drahtwurm den Kampf anzusagen? Soll der Lebensmittelinspektor weniger strenge Gesetze haben, damit er nicht so viel wegwerfen muss? Lebensmittelverschwendung ist immer auch eine eine Frage der Kompromisse, die man bereit ist, einzugehen. Als einzelner Konsument, aber auch als Gesellschaft, die über die gewählte Politik die Gesetze festlegt. Momentan sieht der Kompromiss so aus: 7 zu 3.

Die Welternährungsorganisation FAO hat 2011 ermittelt, wieviel der produzierten Lebensmittel nicht konsumiert werden. Es gibt noch mehr erstaunliche Zahlen und Daten rund um Lebensmittelverschwendung.

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...und jetzt zum Slamsenf!

Die [M]eins Poetry Slammer Jonas Scheiner und Henrik Szanto mit ihren Gedanken rund um die Kartoffel.